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30. Juni 2013

Myra Çakan, Dreimal Proxima Centauri und zurück



Bevor sie an Bord der Stern von Beteigeuze ging glaubte Mimsy Mimkovsky, das Schlimmste, das ihr auf der Reise zum Planeten Proxima Centauri 2 passieren könnte wäre, die Launen von Madame Halcion, ihrer Arbeitgeberin, ertragen zu müssen. Doch die exzentrische Diva und ihr überheblicher Impresario sollten bald das Geringste von Mimsys Problemen sein. Auf dem luxuriösen Kreuzfahrtraumschiff ist kaum einer der Passagiere, was er vorgibt. Als bei den Proben zur traditionellen Bordrevue »Schieß mich zum Mars, Liebling« eine wichtige Requisite verschwindet, ist dies der Auftakt einer furiosen Space Opera die ihresgleichen sucht.Die Autorin vermischt Science-Fiction, ebenso schamlos wie stilsicher, mit Elementen der Screwball-Comedy und des viktorianischen Unterhaltungsromans. Abgerundet wird das brisant-amüsante Spektakel mit einem guten Schuss Steampunk.



„Ganz großes Kino: Eine ebenso kosmische wie komische Kreuzfahrt quer durchs Weltall – in immer neuen, spannenden Wendungen entfaltet sich ein Panorama aus geheimnisvollem Geschehen und sternenfunkelnden Gefühlen. Wo kann ich hier eigentlich den Knopf drücken, um zu zeigen, dass mir das Buch gefällt?“

Peter Glaser




Leseprobe:



Kapitel 1:



Hurriberto kennt sich aus



Die Stern von Beteigeuze bot einen wahrhaft erhabenen Anblick, wie sie vor dem Hintergrund des Alls wie eine Tiara aus Diamanten blitzte und funkelte, während zwischen den Andockbuchten des Großraumers und dem Mond wendige kleine Fähren wie eifrige Libellen hin und her flitzten. Diese brachten soeben die letzten Passagiere von der Luna-Andockbucht 18 an Bord. Ziel der Stern war der zweite Planet von Proxima Centauri, im offiziellen Navigationsverzeichnis prosaisch als Proxcent Zwei aufgeführt. In Wahrheit war Proxcent Zwei kein Planet im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr einer von zwei kleinen Monden, die Proxima Centauri in einer recht exzentrischen Bahn umkreisten. Seit der Außerordentliche Adebar der Neunte, gewählter Sumach von Centauri, die beiden Monde vor fünfundsechzig Erdenjahren zur Freihandelszone erklärt hatte, florierten Tauschhandel und Tourismus. Und niemand fragte sich mehr, ob er sich gerade auf einem Mond oder einem Planeten amüsierte.

Bekannt war Proxcent Zwei jedoch für seine zahlreichen Schönheitsinstitute. Sie waren auch der Grund, dass er von esoterisch Verklärten gerne „Renaissance“ genannt wurde. Unter Zynikern war Proxcent gemeinhin als der Rundum-Planet bekannt.

Hurriberto Wicknack, einer der Kabinenstewards der ersten Klasse, war der Zyniker-Fraktion zuzuordnen, obwohl er sich selbst wohl als Schöngeist bezeichnet hätte. In jungen Jahren hatte er sogar mit dem Gedanken getändelt, zur Bühne zu gehen. Jetzt beschränkten sich seine Ambitionen auf die regelmäßige Mitwirkung bei der traditionellen Bordrevue. Wobei allerdings gesagt werden muss, dass weder seine Singstimme, ein etwas flachbrüstiger Bariton, noch seine akrobatischen Tanzeinlagen besonders bemerkenswert waren. Nicht ganz zufällig befand sich Hurry, wie er scherzhaft von einigen Mitgliedern der Crew genannt wurde, auf dem letzten Pendler. Bedingt durch ein eingebildetes, aber sehr nützliches, Rückenleiden hatte er vor zwei Stunden die Personalfähren und die damit verbundenen so genannten letzten Arbeiten an Bord „verpasst“ und konnte daher noch eine Weile der mechatronischen Kapelle zuhören, die zur Unterhaltung der Reisenden aufspielte. Währenddessen beäugte er unauffällig das Handgepäck der an Bord gehenden Paxe. Wicknack war fest der Meinung, dass ihn sein jahrelanger Dienst auf Passagierraumern dazu befähigte, nicht nur den Status eines Reisenden anhand seines Gepäcks zu beurteilen, sondern auch die gesamte Biographie eines Menschen offen zu legen. Eine sehr nützliche Begabung bei ihrem Reiseziel. Wie jedes Mal, wenn sie das Centauri-System anflogen, war die Besatzung von der Reederei angewiesen worden, besonders diskret vorzugehen. Und so standen vermutlich mehr Aliasse auf der Passagierliste als auf dem Meldeformular eines Kawasaki-Stundenhotels in einem der berüchtigtsten Viertel von Pallas-Stadt. Einen Ort übrigens, den der Kabinensteward in seinem ganzen Leben nie, nie wieder aufsuchen wollte. Wenngleich diese Barfrau aus dem ... nein, Schluss, aus, das war Vergangenheit.

Hurriberto Wicknack richtete sein Augenmerk wieder auf die Passagiere. Da war zum Beispiel dieser monströs dicke Mann, der krampfhaft versuchte, sein Gesicht zu verbergen, und zu diesem Zweck mit ausgestreckten Armen einen Imbiss vom Luna-Port Gackerle am Spieß wie die Monstranz der Hochkirche von Kabunkel Neun vor sich her trug. Lächerlich. Ihm folgte mit indigniertem Ausdruck eine Dame in teurer Garderobe, die zinnoberroten Locken von einem wagenradgroßen Hut mit üppiger Garnierung gekrönt und von schweren Parfümschwaden umwallt. In ihrem Schlepp ein etwas unscheinbares junges Ding, das ein schlichtes Kostüm aus strapazierfähigem Serge in gedeckten Tönen trug und ein unhandliches Schönheitsköfferchen von Vutton balancierte. Ein überheblich dreinblickender Fatzke in einem einteiligen, rostfarbenen Anzug mit farblich abgesetzten Biesen und handgeplusterten Puffärmeln, wie man ihn seit neuestem auf Hoch-Mars trug, komplettierte die kleine Gruppe. Die Dame, die ihre besten Tage schon hinter sich hatte, kam ihm vage bekannt vor, besonders die theatralische Gestik, mit der sie ihre Begleiterin scheuchte.

„Nun gehen Sie doch, Mimsy. Das Boot legt gleich ab.“

„Ja, Madam“, lautete die ergebene Antwort.

„Kein Boot, ein Pendler“, ließ sich der Fatzke vernehmen.

Die herrische Person würdigte ihn keines Blickes und verschwand in der Luftschleuse der Fähre. War sie schon einmal an Bord der Stern gewesen? Möglich wär’s. Hurriberto rühmte sich zwar eines nahezu perfekten Gedächtnisses, doch diese ältlichen Mesdames bildeten neben gewissen zwielichtigen Inkognitos das Hauptklientel der ersten Klasse, da war es entschuldbar, wenn er schon mal den Überblick verlor.

Wicknack überlegte, ob der dicke Mann wohl zu der divenhaften Dame mit der Entourage gehörte, entschied dann aber die Dreiergruppe als „reiche Witwe mit Dienstboten“ abzulegen. Womöglich galt es, diesen ersten Eindruck im Laufe der Reise noch zu korrigieren, allerdings irrte sich Wicknack selten in solchen Dingen. Hing doch die Höhe des zu erwartenden Trinkgeldes von seiner präzisen Einschätzung ab. Warum also um ein Flitterwöchnerpärchen von irgendeinem Hinterweltlerplaneten herumscharwenzeln, wenn diese zugenähte Taschen hatten?

Was den dicken Mann anbelangte, lag die Sache klar auf der Hand: Eindeutig jemand, der unter einem falschen Namen reiste. Wahrscheinlich eine Unterweltgröße, die sich zwecks einer kleinen Gesichtsumgestaltung nach Proxcent begab. Was die reizbare Madame betraf, schwankte Wicknack noch zwischen Fischzug an Bord oder Rundumerneuerung. Nun ja, vermutlich traf beides zu und wenn er sie am Kapitänstisch platzierte, würde er mit einem guten Trinkgeld rechnen können, soviel war gewiss. Er straffte sich, strich mit Wohlgefallen über die farblich abgesetzten Rabatten mit den bronzefarbenen Tressen, die seine guignetgrüne Uniform komplettierte, und drehte sich beiläufig um neunzig Grad.

Aha, da war noch ein vielversprechender Kandidat. Auf das unerfahrene Auge mochten die untersetzte Gestalt, das grobschlächtige, aber freundliche Gesicht und die abgetragene Kleidung wenig verheißungsvoll wirken. Doch die Garderobe des Mannes stammte vom besten Herrenschneider auf Cassiopeia Sieben, und der Mann, der gedankenverloren durch das Panoramafenster auf die rasch kleiner werdende Andockplattform sah, war niemand anderes als Rufus C. Plonk, und somit einer der zweihundert reichsten Männer der Milchstrasse, wenn man der neuesten Liste von Reichtum und Vermögen Glauben schenken durfte.

Aber warum reiste er auf der Beteigeuze? Einem Tycoon wie Plonk, der über eine stattliche Flotte von Frachtraumern verfügte, stand bestimmt eine schnelle Raumjacht zur persönlichen Nutzung zur Verfügung. Anderseits war so gut wie nichts über diesen einflussreichen Mann bekannt. Es wurde gemunkelt, dass sich vor vielen Jahren eine Tragödie in seinem Leben zugetragen und er sich seitdem noch mehr von der Öffentlichkeit abgeschottet hatte. Warum also jetzt diese Reise? Wicknack beschloss, sich nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, die Reichen und Berühmten dachten und lebten einfach anders als der Rest der bewohnten Milchstrasse, und solange am Ende der Reise das Trinkgeld stimmte, war seine Welt in Ordnung.

Als sich das Boot gemächlich dem Kreuzfahrtraumschiff näherte, bot sich ein prächtiger Anblick. Anscheinend hatte der Maschinist soeben die Manövriertriebwerke gefeuert, denn die leuchtend blauen Flammen der Tesla-Aggregate zuckten wie gigantische Elmsfeuer aus den mächtigen Düsen ins All. Ein prächtiger Anblick, auch wenn er mit der Kraftentfaltung eines Raumschiffes im Überflug nicht zu vergleichen war. Wicknack bemerkte, wie das zarte Fräulein mit ängstlichen Augen dem Schauspiel folgte.

„Sieht beeindruckend aus, nicht wahr?“

„Ja, schon ...“ kam es zögernd zurück.

„Ist das gnädige Fräulein das erste Mal auf einem Raumschiff, wenn ich mir die Frage erlauben darf?“

„Nein, eigentlich nicht. Aber so nah, ich meine ... das hatte ich nicht erwartet.“

Sie drehte sich zu ihm um, und er blickte in ein paar ängstliche grüne Augen mit goldfarbenen Sprenkeln. Bezaubernd, dachte Hurry, ganz bezaubernd. Es würde mich sehr wundern, wenn sie auf der Reise nicht eine Schar Verehrer anziehen würde. Mit einem Blick auf ihre hochgeschlossene Bluse mit der schlichten Brosche am Kragen revidierte er seine Meinung allerdings schnell wieder. Das Fräulein war gewiss keine kokette Landpomeranze, die an Bord der Stern auf der Suche nach einem gutbetuchten Ehemann war.

„Wo sind denn die Turbinen?“

„Turbinen?“ echote der Kabinensteward der ersten Klasse entgeistert. „Sie meinen, wie auf einem Dampfraumer?“

„Gewiss“, sagte das Fräulein mit fester Stimme. „Wie sollten wir uns denn sonst durch das Weltall bewegen?“

„Grundgütiger“, platzte es aus Hurry heraus. „Ich bitte vielmals um Entschuldigung für meinen unangemessenen Ausbruch, aber mit Dampf fliegen wir schon lange nicht mehr.“

„Ach, nicht? Ich dachte ...“

„Nun, auf den Hinterwelten, Sie mögen den Ausdruck verzeihen, da sieht man die alten Dampfraumer vielleicht noch. Wir haben selbstverständlich die neueste Technologie. Alle Schiffe der Sternenlinie fliegen mit Tesla-Energie.“

Hurriberto spürte ein leichtes Ziehen in der Körpermitte. Der Steuermann des Pendlers hatte das Bremsmanöver eingeleitet. Die Zeit für müßiges Geplauder war vorbei. Mit einem „Sie können sich darauf verlassen, dass unser Antrieb vollkommen ungefährlich ist, gnädiges Fräulein. Wenn Sie mich entschuldigen würden“ wappnete er sich für die kommenden Aufgaben.

Ein dezenter Gong und ein anschließender, nicht ganz so dezenter Ruck kündigten vom Ende der Überfahrt. Die Fähre hatte ihr Ziel, die Andockbucht der Beteigeuze, erreicht. Nach Einsetzen der Reiseschwerkraft ging der Kabinensteward der ersten Klasse gemessenen Schrittes zur Luftschleuse und nahm seine Position ein, um den leicht desorientierten Paxen beim Wechsel auf den Sternenkreuzer behilflich zu sein. Er war sich der Bedeutung seiner Stellung durchaus bewusst und fühlte sich voller Tatendrang. Diese Reise würde sicher bemerkenswert werden. Wie bemerkenswert, das hätte sich Hurriberto Wicknack in seinen wildesten Träumen nicht ausmalen können. Und das war auch gut so.











Die Autorin:


Myra Çakan studierte Schauspiel und Musik und gilt als die erste deutschsprachige Vertreterin des Cyberpunk. Sie veröffentlichte fünf Romane – When the Music’s Over (1999), Begegnung in der High Sierra (Luke Harrison – Weltraumabenteurer 1) und Zwischenfall an einem regnerischen Nachmittag (Luke Harrison – Weltraumabenteurer 2) (beide 2000), Downtown Blues (2001), Dreimal Proxima Centauri und zurück (2011) drei Kurgeschichten-Sammlungen – Nachtbrenner (2012) Geschichten aus der Zukunft von Gestern (2013) Winterlang (2013) und ein Sachbuch Mein Buch! (2012); darüber hinaus zahlreiche Kurzgeschichten in Magazinen und Anthologien. Zwanzig Hörspiele, Adaptionen ihrer eigenen Werke und Originalstoffe, wurden u. a. von WDR und SWR produziert. Die Autorin ist nicht nur Science-Fiction-Liebhabern ein Begriff, wie Rezensionen ihrer Werke in der SZ, Stern oder Frankfurter Rundschau belegen.






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