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Rezensionen

Gerne stelle ich Ihr Buch vor.

12. April 2013

Sandra-Maria Erdmann, Knopfaugen und Schokokeks

28 kurze Geschichten von kleinen Monstern und gestressten Monsterbändigern. Dreimal alltäglicher Wahnsinn mit Milchgebiss, Dreikäsehoch aus der Delikatessenabteilung, drei-mal-schwarzer-Kater und nichts ist mehr wie vorher. Hat noch jemand Fragen? Besuchen Sie Maria in ihrem Mikrokosmos "Kinderküche". Zwischen Kindern, Wäschebergen und dem täglichen Kampf mit dem Vorurteil, Mütter hätten immer frei, beschließt Maria kräftig aufzuräumen. Dabei endeckt sie nicht nur ihre sarkastische Ader, sondern findet ein lang verschollen geglaubtes Notizbuch wieder. Wo? Das müssen Sie schon selber herausfinden.



Leseprobe



Schimpfwort-Attacke im Supermarkt

Auf diesen Tag hatte ich lange gewartet, aber nun war er endlich da. Der Tag, an dem ich tief beschämt im Boden versank und alle meine bisherigen Erziehungsmaßnahmen in Frage stellte: Unser Mittelkind beschimpfte im Supermarkt eine nette alte Dame als „Pippifurz“!
Zu allem Übel fragte die nette Dame noch einmal nach, ob sie sich auch nicht verhört hätte. Nein, sie hatte sich nicht verhört, unser Mittelkind wiederholte freudestrahlend sein neues Wort. Sichtlich pikiert ging die Dame weiter, brummelte noch etwas von „unerhört“ und „dieses Kind“ und dann noch „diese Eltern“.
Da stand ich nun - mit hochrotem Kopf und einer kleinlauten Entschuldigung auf den Lippen. Ich kannte die Verbalattacken meines Sohnes bereits, aber ich dachte nicht, dass er auch soweit gehen würde, unschuldige ältere Damen zu beleidigen.

Zur Erklärung der Geschichte gehen wir im Lebenslauf des Kurzen etwa drei Monate zurück: Unser Sohnemann, ein völlig verschüchtertes Kerlchen von zweieinhalb Jahren kam in den Kindergarten. Die Freude auf Seiten der Erziehungsberechtigten war riesengroß. Endlich würde er mit anderen Kindern zusammen spielen und vielleicht dabei lernen sich durchzusetzen.
Er wurde auf dem Spielplatz gern herumgeschubst oder von den anderen Kindern geärgert. Ich war der festen Meinung, dass sich das ab jetzt ändern könnte.

Es änderte sich auch schlagartig. Keine Woche verging und unser Mittelkind wurde zu einem „bösen Löwen“, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, süße rosa Prinzessinnen zu fressen! Aus dem Löwen wurden mit der Zeit alle möglichen „bösen“ Tiere, die ständig laut brüllten und kräftig zubeißen konnten. Keine Wade war mehr vor ihm sicher.

Aber richtig übel wurde es wirklich, als er plötzlich zu sprechen anfing. Seine gebräuchlichen Worte möchte ich hier lieber nicht näher erläutern, denn ich habe wegen der Dame im Supermarkt noch immer rote Ohren! Dabei sind wir doch eine anständige Familie!
Mein Mann und ich beschimpfen uns nicht, wir sind belesen und achten auf einen angemessenen Kommunikationsaustausch. Worte aus der Fäkalsprache werden bei uns mit 0,15 € für die Familienspardose abgemahnt. Wir gehören doch nicht zur bildungsfernen Unterschicht! Mein Mann ist schließlich Akademiker! So etwas gibt es bei uns nicht!

Aber, was soll ich sagen: Leider ist es doch passiert. Die niederträchtigen Beschimpfungen unseres Mittelkindes sind an die Öffentlichkeit getreten. Bald werden wir aus der gehobenen Gesellschaft ausgeschlossen. Die nette alte Dame im Supermarkt war doch nur der Anfang... Ob ich ihn zum Psychologen schicken sollte?


Live aus dem Krisengebiet

Wir schalten jetzt live in die Blumengasse 12, Reihenhaussiedlung am Rande der Stadt, mittleres Haus (da wo ständiges Kindergeschrei aus den dreifach-verglasten Fenstern tönt). Unsere mutige Korrespondentin Maria wartet dort im Schutze der Dunkelheit mit den neusten Nachrichten. Maria, gibt es Neuigkeiten? Wie ist die Lage in der Blumengasse 12?

Hallo Marietta Slomka. Das Volk in der Blumengasse ist sichtlich verzweifelt. Eine große Hungersnot breitet sich aus. Die Süßigkeiten-Ernte ist in diesem Jahr so schlecht wie lange nicht mehr. Lange Schlangen stehen vor den Schranktüren, um die wenigen Vorräte zu ergattern. Die hiesige Regierung schließt die wenigen Süßigkeiten-Reste ein und verteilt nur in Ausnahmefällen. Sie versucht den stetig wachsenden Hunger der Menschen mit ihnen völlig fremder Nahrung zu stoppen.

Hilfspakete aus Ländern wie Aldi-banien, aus den Vereinigten Staaten von Lidl oder aus Obsttereich kommen bei den betroffenen Menschen in der Blumengasse an. Aber, Marietta, die Menschen akzeptieren diese ihnen so fremden Lebensmittel wie Nudeln, Gemüse oder Kartoffeln nicht. Laute Proteste und angedrohter Hungerstreik machen die Regierung mürbe.

Unmut macht sich breit. Die Menschen sind wütend und aggressiv. Um sich schlagend und schreiend gehen die Rebellen auf das Regierungspersonal, aber auch auf wehrlose Plüschpferde und Plastikautos los. Wohnungen werden dem Erdboden gleich gemacht. Der Groll der Menschen zeugt von großer Wut.

Die Mitarbeiter der Regierung werden nicht nur verbal angegriffen und beschimpft, sondern bei so manchem Schlichtungsversuch sogar angespuckt. Die Menschen aus der Blumengasse 12 kennen keine Grenzen mehr, das Chaos beherrscht die Stadt und gewaltbereite? Rebellen wollen das Land übernehmen. Hier muss ganz schnell ein Dialog zwischen der Regierung und dem Volk erfolgen, sonst kommt es zu militanten Übergriffen.

Die Regierung versucht beim Volk durch gelegentliche Ausflüge in den nahe gelegenen Freizeitpark das vorhandene Elend zu verringern. Allerdings stürzen diese Ausflüge das völlig heruntergewirtschaftete Land in den Ruin. Die einzige Möglichkeit, dem hungernden und wütenden Volk Einhalt zu gebieten, besteht darin, ein Großaufgebot an attraktiven Angeboten zur Verfügung zu stellen.

Regelmäßige Waffenstillstände nutzt die verzweifelte Regierung, um über humane Gegenschläge nachzudenken. Meist ohne Erfolg. Im Schutze der Dunkelheit gelingt es dem einen oder anderen Regierungsbeamten, die Flucht zu ergreifen, doch bereits an der Landesgrenze wird er durch lautes Jammern zurückgehalten.

Die Regierung hält das Volk bei Laune. Doch für wie lange, das kann keiner erahnen. Für heute, Marietta, ruhen die Waffen in der Blumengasse. Aber man sollte dem nächtlichen Frieden nicht allzu sehr trauen. Bereits im Morgengrauen beginnen einige Rebellen mit dem ersten Schlag des Tages, indem sie lautstark ihre Forderungen nach Kakao äußern. Ein Ende ist nicht in Sicht, und auch mir ist es nur im Schutze der Nacht möglich,  mit dem Regierungsrat zu reden. Ich werde versuchen, in den nächsten Tagen mit einem der militanten Rebellenführer in Kontakt zu treten.

Danke, Maria, für die neuesten Nachrichten aus der Blumengasse 12! Hier herrscht der ganz normale Wahnsinn! Guten Tag!


Operation "Perle aus dem Ohr"

Weil Mütter von Kleinkindern oft vor Langeweile nicht wissen, wie sie einen sonnigen, wunderschönen Nachmittag herum bringen sollen, habe ich hier einen Vorschlag: Wie wäre es mit einem Besuch in der Notaufnahme?

Unser Mittelkind ist in den meisten Krankenhäusern der näheren Umgebung und in diversen Arztpraxen mit der dortigen Belegschaft per du. Außer natürlich in unserem „hauseigenen“ Krankenhaus, Luftlinie etwa 50 Meter entfernt und am schnellsten durch Nachbars Garten zu erreichen.
Die Tatsache, ein Krankenhaus in direkter Nachbarschaft zu haben, beeinflusste unsere Immobilienwahl enorm. Es erwies sich seit dem als ungemein praktisch, direkt oberhalb der Notaufnahme zu wohnen. Glücklicherweise mussten wir diesen quasi hauseigenen Service, bisher erst dreimal in Anspruch nehmen.

Beim ersten Mal verweilte der Mittelfinger meines Göttergatten einen Moment zu lange zwischen Tür und Türrahmen, als ein fröhlich glucksendes Kleinkind diese mit Karacho zuwarf. (Aua... Es tut heute noch weh, wenn ich nur daran denke.) Allerdings war dieser verbundene Mittelfinger lange Gesprächsthema in der Schule. Manch ein Schüler fühlte sich provoziert.

Beim zweiten Mal verwechselte unsere Große beim Kartoffeln schälen die Kartoffel mit ihrem Daumen. Da ging meine Pädagogik irgendwie nach Hinten los. Seit dem will sie in der Küche nur noch ungern mithelfen. Und weil diese Dinge entweder an einem Mittwochnachmittag, Freitagnachmittag oder am Wochenende passieren, schleppte ich das blutende Kind in die Notaufnahme. (Meine Oma hätte mich draufpinkeln lassen, meine Mutter ne Aloevera-Pflanze angezapft und mein Göttergatte hätte als Ersthelfer ein Pflaster ganz eng, also blutstillend, geklebt. Alle Angesprochenen waren jedoch nicht anwesend.

Und nun zum dritten Besuch: Unser Mittelkind, immer zu Späßen aufgelegt und mit einer blühenden Phantasie ausgestattet, kam auf die glorreiche Idee, die Perlenkette seiner Schwester zu zerrupfen und in diverse Körperöffnungen zu stecken. Die Perle aus der Nase kam von selbst wieder heraus, die im Ohr steckte fest.

Was sich daraus wohl ableiten lässt? Eine große Zukunft als Diamantenschmuggler? Hoffentlich nicht. Mit blankem Entsetzen in den Augen kam er zu mir: „Das da raus.“
Mein medizinisches Geschick hält sich in überschaubaren Grenzen. Ich bin in der Lage Zecken aus Kinderhaut zu operieren und kann Zwiebelsaft gegen hartnäckigen Husten herstellen. Aber, wie bekommt man eine Plastikperle ohne geeignetes Werkzeug aus dem Ohr eines Dreijährigen?
Diese Frage stellte sich dann auch der behandelnde Assistenzarzt. Er könne die Perle zwar sehen, aber nicht herausholen. Dafür habe er nicht das richtige Werkzeug. Warum ich nicht sofort zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gegangen wäre. Er gab mir ein Schreiben mit und wünschte gute Besserung. Ob so eine Perle von allein wieder herauskommt, fragte ich mit Hoffnung im Blick. Der Arzt verneinte kopfschüttelnd und ging zum nächsten Patienten.
So machten wir Vier uns auf den Weg zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Die Warterei in der Notaufnahme war schon eine Tortur, beim HNO wurde diese noch übertroffen. Ein fensterloses Räumchen, vollgestopft mit schwitzenden Menschen, machte meine Laune nicht besser, geschweige denn die der drei Kleinkinder. Ich verfluchte die dusselige Perle und die Tatsache, dass Jungs genetisch bedingt viel mehr Unsinn machen als Mädchen.
Nach anderthalb Stunden Wartezeit war die Perle heraus. Ob wir sie mit nach Hause nehmen wollten, fragte die Ärztin. Bitte, behalten Sie das Ding hier! Was für ein Nachmittag. Ich hoffe inständig, alle Körperöffnungen bleiben von nun an von irgendwelchen Experimenten verschont.


Ab heute nur noch Bio

Mit abschätzigem Blick betrachtete die grauhaarige Frau hinter mir an der Supermarktkasse meinen schnell zusammen gewürfelten Einkauf auf dem Transportband.
Was sollte ich machen? Ich war im Stress – Es blieben mir noch fünfzehn Minuten bis mein Parkticket ablief und ich eine horrende Summe nachzahlen musste, damit ich das Parkhaus wieder verlassen konnte. Gut, ich hatte mich in der Stadt verquatscht, musste zu lange beim Optiker warten und hab danach in meinem Lieblingsgeschäft gedankenverloren in der neuesten Kollektion für den Frühling gestöbert...

Das Grau ihrer Augen wanderte verächtlich über meine Fertigpizza, die sich mittags im Ofen von ganz allein backen sollte, weil ich mit tausend anderen Dingen beschäftigt war.
Weiter glitt ihr Blick zu dem herrlich mit Farb- und Konservierungsstoffen vollgepumpten Wackelpudding, den mein Sohnemann stolz in seinen kleinen verklebten Patschhänden hielt. Ihr ergrautes Haupt machte den Anschein, als würde es sich schütteln, nachdem sie mir ein Taschentuch reichte, damit ich meinem Kind doch bitteschön endlich die Nase säubern sollte.

So etwas kann sich ja keiner mit ansehen. Mein komplett unökologischer Einkauf thronte auf dem Transportband und führte bei der Frau hinter mir zu einem erneuten Ergrauen, wegen des Grauens. Dabei konnte sie so alt noch gar nicht sein.

Schüchtern lächelte ich sie an, um wenigstens nicht den letzten Rest an Supermarkt-Sympathie-Punkten zu verlieren. Betont langsam entpackte sie derweil ihren Einkaufswagen: Bio-Tomaten (stand drauf – hab ich gelesen), Bio-Kiwis, Bio-Gurken, dazu tiefgekühlte Bio-Erbsen, ein Bio-Camembert und zwei Pakete Bio-Bananen. Was man daraus wohl macht???
Nachdem ich mir beim SB-Bäcker, der bestimmt keine ökologisch wertvollen Bio-Brötchen backt, für meinen quengelnden Sohn noch ein „Sei-so-gut-und-halt-bis-zu-Hause-durch-Brötchen“ gekauft habe, sah ich die „Graue Eminenz der Bio-Produkte“ noch einmal wieder. Vorbildlich entpackte sie ihren Einkauf aus den „bösen“ Plastik-Verpackungen und setzte ihn liebevoll in ihren eigens dafür mitgebrachten Weidenkorb. Wahrscheinlich sprach sie während der Fahrt im Bus mit dem Gemüse, damit es sich nicht langweilt...
Dabei kann man doch aus Plastikverpackungen so tolle Sachen basteln.


Rezension hier im SALON


Die Autorin
Sandra-Maria Erdmann ist Mutter von drei Kindern im Alter von 8, 6 und 4 Jahren. Geboren im Jahr 1980 und aufgewachsen am Rande des schönen Spreewaldes, zog sie nach dem Abitur ins Ruhrgebiet. Dort absolvierte sie eine Ausbildung als Fachfrau für Systemgastronomie und arbeitete danach als Restaurantassistentin bei einem bekannten Fast-Food-Unternehmen.
Der Liebe wegen zog es sie allerdings schon kurz darauf ins Sauerland. Dort lebt und arbeitet sie nun zusammen mit ihrem Mann, den drei Kindern, einer Katze und fünf Wachteln. Seit 2006 schreibt sie als Online-Autorin für verschiedene Magazine im Bereich 'Partnerschaft & Familie'. Im Oktober 2012 erblickte ihr erster Ratgeber „Endlich ein Schulkind“ das Licht der Öffentlichkeit. Ihr Mutter-/ Vater-Kind-Kur-Ratgeber erscheint Ende 2013 im Fant-Verlag. Außerdem arbeitet sie als freie Texterin und betreibt diverse Blogs zum Thema Familie, Freizeit und akute Chaosbewältigung.

Mehr Informationen über die Autorin, ihre aktuellen Projekte und Kolumnen gibt es hier:
www.sandra-maria-erdmann.com


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