Salon

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Rezensionen

Vorläufig aus Zeitgründen geschlossen.

14. Januar 2013

Paul Sandmann, Tristan


Eine Chronik über den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts

Tauche ein in die Finanzmetropole Europas – London – kurz vor Ausbruch der Finanzkrise: Dem erfolgreichen Investmentbanker Tristan liegen sowohl Männer als auch Frauen zu Füßen.
Er bedient sich ihrer, kann jedoch für niemanden tiefere Empfindungen entwickeln.
Bis er Isabella Eco begegnet ...





Leseprobe:

Lustvoll geschwungene Bögen, von seidener Haut bespannt. So zart! Lachsfarben scheint das Fleisch darunter hindurch. Durstig wölbt es sich nach außen. Nach Liebe heischend, unersättlich vor Gier. Darüber fließen filigrane Fältchen - bis zu den Schatten der Öffnung. So mikroskopisch fein, dass bloß Liebende sie bemerken und sogleich in ihren Bann geschlagen werden. Jede einzelne verläuft in nur einer Richtung, zur Öffnung hin. Wie Sirenen ergreifen sie den nahen Betrachter, befehlen ihm, noch näher zu kommen. So nah, dass sein Atem bald die Haut streift. Dann geschieht es: Die Schatten öffnen sich und beider Atem verschmilzt miteinander. Mit einem Mal ist ihr Fleisch einander so nah, wie es nur beim Kuss geschieht. Lediglich von einem Hauch von Nichts getrennt, um das heiß pulsierende Blut im Körper zu halten. Wie viel näher kann man einem Menschen sein als beim Kuss, fragte er sich.
Er strich sich die gerade geknotete Krawatte zurecht und trat einen Schritt vom Spiegel zurück. Feine hellblaue Streifen durchzogen das Rosa der chinesischen Seide. Er legte sich das Jackett um die Schultern und zog die mit silbernen Manschettenknöpfen geschlossenen Ärmel seines weißen Hemdes unter dem schwarzen Stoff um einige Zentimeter hervor. Dann betrachtete er sich erneut und blähte die Nasenflügel, als ein Dufthauch Parfüm von seinem frisch rasierten Hals unter dem markanten Kinn aufstieg. An diesem Morgen vermochte sein Geruch, der sich allmählich um ihn herum entfaltete, die lästigen Gedanken, die ihn befallen hatten, nicht zu verscheuchen. Sein Blick fiel wieder auf die eigenen breiten Lippen.
Wie viele Münder hatten sie schon geküsst?
Und wie viele nur um des Geschmacks, aber nicht um der Liebe willen? Genau wie in der letzten Nacht.
Darf man so überhaupt fragen, überlegte er. Oder dürfte man dann nie wieder küssen?
Ich will sie küssen, dachte er sich. Will, dass ihr Lachen mir gehört - dann, wenn die Fältchen wie von Zauberhand verschwinden und die weißen Zähne zu mir lächeln. Ist, diesen Mund zu küssen, das ersehnte Versprechen? Gilt es denn noch etwas, jemanden zu küssen? So inflationär, wie ich mit meinen Küssen umgehe, darf ich das nicht erwarten.
Nervös lächelte er.
Hab ich denn jede Einzelne geliebt, die ich küsste? Sicher nicht. Dann wär ich wahrscheinlich verdurstet. Lässt man die Knospen der Jugend verwelken, weil man es zu ernst mit der Liebe nimmt? Reicht nicht schon Zuneigung, aus der später Liebe entspringen kann? Diejenigen, die ihre wahre Liebe mit dem ersten Kuss beschenken, haben das leidenschaftliche Gestern für ein sicheres Morgen verschenkt. Aus Angst ließen sie sich nicht fallen. Nicht von ihren Träumen leiten. Dadurch konnten sie nie enttäuscht oder verletzt werden. Denn der Enttäuschung sitzt man auf, wenn man das von eigenen Träumen und Wünschen umspannte Gegenüber gewähren lässt. Bereut man deshalb den Kuss, wenn der Kokon, der die Illusion zusammenhält, zerplatzt ist?
In diesem Augenblick hörte er das Wasser der Brause abbrechen und seinen Besuch aus der Dusche treten. Sekunden später tauchte der Körper nackt im Spiegelbild hinter ihm auf, die weiße Haut von hunderten kleiner Wassertropfen bedeckt.
„Na, schöner Mann? Hätte ich gewusst, dass du so früh aufstehen musst, wär ich gar nicht mit dir nach Hause gekommen”, sagte die Unbekannte, als sie ihm den Kopf auf die Schulter legte und seinen Blick suchte. Er fühlte, wie der Stoff seines Sakkos die Feuchtigkeit ihres Kinns aufsog.
„Doch, das wärst du”, entgegnete er, ohne sie anzublicken. Er richtete sich noch einmal kurz die Krawatte, dann drehte er sich um und strich ihr einen Wassertropfen von der Nasenspitze.
„Die Bank ruft, schlaf dich aus. Wenn du gehst, zieh die Tür einfach zu. Zum Frühstück müsste noch etwas Sushi im Kühlschrank sein.“
Sie verzog das Gesicht. Ihre blauen Augen und der Schmollmund hatten es ihm wirklich angetan - gestern. Jetzt sah sie etwas müde aus. Flüchtig drückte er ihr einen Kuss auf die Wange, dann nahm er die schwarze Tasche von der Kommode und ging hinaus; er hatte die düsteren Gedanken des Morgens fast ganz abgeschüttelt. Noch einmal wallten sie vor dem Fahrstuhl in ihm auf, doch als er seine Nachbarin und den Portier gegrüßt hatte und eingestiegen war, dachte er: Sollte man sich seines leidenschaftlichen Gesterns schämen? Sollte man gar, wegen der zahlreichen Enttäuschungen, die Hoffnung in den Wind schreiben?
Nein, nicht! Jeden Morgen halte man seine Träume fest, bevor sie entrinnen. Rette sie bis in den Tag hinein. Jeden Tag von neuem. Und wenn dir die Welt die Träume anschlägt, sie dir blutig schneidet, schütze sie mit allen Mitteln. Schenk ihnen die Nacht zur Heilung und bewahr dir ihre Gegenwart - jeden Tag aufs Neue. Niemals darfst du sie verraten, die Hoffnung auf eine Liebe verlieren. Sonst stirbt dein Herz. In diesem Moment dachte er an ihren wunderbaren Körper, wie er sich an diesem Morgen, als sie noch schlief, unter den Bettlaken abgezeichnet hatte.
Er zog die Wangen zwischen seinen halb geöffneten Zähnen etwas ein, hob den Blick auf die polierte Metalltür des Fahrstuhls, und ein gewinnendes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, das seine alte Nachbarin seufzen ließ.
(...)

Hörprobe des 1. Kapitels:





Rezension hier im SALON


Über den Autor


Paul Sandmann ist Dauer-Reisender, Träumer, Liebhaber klassischer Musik und der bildenden Künste. Er schreibt seitdem er zwölf Jahre alt ist und liest seiner Freundin seit wenigen Monaten seine Geschichten vor. An dem vorliegenden Roman hat er sechs Jahre gearbeitet.
Paul Sandmann ist gefühlte dreiunddreißig Jahre alt.

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