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16. Januar 2013

Deddine Kuschel-Swyter, Larrys Sohn


Darwin, die kleine Küstenstadt im Norden von Australien im Jahre 1973, ein Jahr bevor der Zyklon 'Tracy' die Stadt total zerstört. Hierher verschlägt es die junge Holländerin Clarissa van Doorn, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu beginnen. Ihr Leben scheint vorgezeichnet, ihre Zukunft fest geplant; zumindest in den Augen von Bernie, ihrem Freund.
Aber schon bald verlässt sie das Schwesternheim und zieht in eine Wohngemeinschaft, in einem alten Tropenhaus am Rande der Stadt.
Dort trifft sie Larry, zu dem sie tiefe Gefühle entwickelt.
Aber Larry ist anders. Nicht nur seine Hautfarbe ist anders, sondern er kommt aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Welt.
Auch wenn er seine Aborigines Herkunft verdrängt, so kann er doch sein Erbe nicht wirklich leugnen. Und obwohl Clarissa sich sehr bemüht, seine Welt zu verstehen, oder sie doch zumindest akzeptieren zu können, es scheint ihr nicht zu gelingen.
Die Entscheidung, die sie schließlich trifft, führt sie nach Neuseeland, wo sie hofft, ein neues Leben für sich und ihren Sohn aufbauen zu können.
Aber schafft sie es wirklich, Larry aus diesem neuen Leben zu verdrängen?



Leseprobe:

Killinchy

Es war ein einfaches Holzhaus mit Giebeln nach drei Seiten. Die ehemals weiße Farbe blätterte bereits an mehreren Stellen ab, und auch das grünliche Wellblechdach schien einen Anstrich nötig zu haben. Die Fenster wirkten schmuddelig. Ein großer, frisch gemähter Rasen zog sich um das Haus, und vor der kleinen Terrasse stand ein üppig blühender Busch, der bis zur Giebelspitze hinaufreichte. Riesige Kiefern grenzten das Grundstück ein. Nur zur Straße hin, einem breiten, staubigen Schotterweg, war die Sicht frei.
"Da sind wir", sagte Neil und bog in die holprige Einfahrt ein, "dies ist Killinchy." Ein aufgeregtes Hundegebell empfing sie.
"Ruhe dahinten!" rief er zu einigen kleinen Hütten hinüber, vor denen mehrere Hunde laut kläffend herumsprangen.
Er beachtete sie jedoch nicht weiter, und Clarissa stellte beruhigt fest, dass sie angebunden waren. Sie kletterte aus dem Lieferwagen.
Neil stand bereits vor dem Haus und blickte zu ihr herüber. Er sah aus wie ein irischer Farmer, oder zumindest so, wie Clarissa sich einen irischen Farmer vorstellte. Sein rötliches, leicht gelocktes Haar fiel ihm bis fast auf die Schultern. Er hatte eine helle, sommersprossige Haut und klare, aufmerksame Augen. Sein Mund schien immer ein leichtes, spöttisches Lächeln anzudeuten, was ihm einen Anschein von Gelassenheit gab. Aus dem geöffneten Ausschnitt seines karierten Flanellhemdes wucherte hellrötliches Brusthaar. Seine großen, kräftigen Farmerhände waren über und über mit Sommersprossen bedeckt, die den Arm hinaufwanderten und sich in der üppigen Behaarung verloren.
"Komm", er winkte sie herüber, "ich werde dir die übrigen Bewohner vorstellen. Die Hunde", er deutete hinüber zu den Hütten, "wirst du später noch kennenlernen. Sie müssen sich erst einmal wieder beruhigen. Der Schwarzweiße dort, das ist Chips, mein bester Arbeitshund. Und der Schwarze, ganz links, der sich wie toll benimmt, das ist Brooker." Er erhob seine Stimme aufs Neue: "Lass den Unsinn, Brooker. Verschwinde!"
Er wandte sich wieder Clarissa zu. "Die anderen sind noch jung. Sie müssen noch lernen." Clarissa nickte.
"Dort drüben am Zaun, das ist Jasmin." Neil deutete auf eine schneeweiße Ziege, die sich anmutig zwischen einigen Sträuchern bewegte.
"Jasmin ist in Ordnung", fügte er hinzu, "aber pass auf, dass du nicht zu nahe an Eric herankommst." Er zeigte auf einen großen Ziegenbock, der sein ebenfalls weißes Fell mit Kot und Dreck verschmutzt hatte. Er graste angepflockt außerhalb des Grundstücks am Wegrand.
"Ist er gefährlich?"
"Na ja, das vielleicht auch. Aber vor allem stinkt er!"
Clarissa lachte. "Na gut. Auf seine Freundschaft lege ich auch keinen so großen Wert."
"Also, wen haben wir noch?" Neil sah sich suchend um. "Dort drüben auf der Weide, hinter den Bäumen, dort laufen Patricia und Dorothy." Clarissa erkannte zwei ausgewachsene Schweine mit dicken Hängebäuchen, die im Unterholz stöberten.
"Sie werden allerdings Weihnachten nicht überleben; also freunde dich auch mit ihnen nicht zu sehr an." Neil zuckte mit den Schultern, als er Clarissas fragenden Blick sah. "So ist das eben auf einer Farm." Er wandte sich um. "Irgendwo müsste auch Sissy herumstreunen. Unsere Katze", fügte er erklärend hinzu. "Wahrscheinlich ist sie gerade auf der Jagd."
In dem Moment trat ein großer junger Mann aus der Tür, der verschlafen gähnte und sich die Augen rieb.
"Oh ja, fast hätte ich Dan vergessen", lachte Neil, "Dan wohnt auch hier. Er ist unser Botaniker."
"Hey Dan. Ich bin Clarissa." Sie schüttelte ihm die Hand.
"Das dachte ich mir", meinte er lakonisch und blinzelte in die Sonne.
"Tut mir leid, Leute, aber ich muss erst mal unter die Dusche. Ich komm nachher zu euch." Damit drehte er sich um, zog den Kopf etwas ein und verschwand wieder durch den Türrahmen.
"Komm", sagte Neil, "ich zeige dir noch den Garten." Sie wanderten um das Haus herum, und jetzt sah Clarissa auch die kleinen Rabatten, die an der Nordseite, vor der Terrasse, angelegt waren.
"Das ist alles Dans Werk", erklärte Neil. "Er ist am Lincoln College; hat dort eine Stelle als Assistent. Einen Gemüsegarten hat er auch angelegt, dort drüben, hinter den Walnussbäumen."
Der Garten gefiel Clarissa, und auch mit den Bewohnern würde sie auskommen. Nur das Haus sah in keiner Weise einladend aus.
Auch als Neil sie schließlich hineinführte und ihr die Räume zeigte, besserte sich ihre Meinung nicht. Es gab drei Schlafräume. Neils Zimmer war groß und hell und ging nach Norden hinaus. Sie warf nur einen kurzen Blick durch die Tür. Die anderen beiden Zimmer hatten je ein Fenster nach Westen, zu den Bergen, deren Sicht aber durch die dichten hohen Kiefern verdeckt war. In jedem gab es ein großes Doppelbett, einen Kleiderschrank und eine Kommode.

In Dans Zimmer war allerdings von diesen Möbelstücken kaum noch etwas zu sehen. Überall lagen Kleidungsstücke und Bücher, Papiere und sonstige Gegenstände verstreut. An der Wand hing eine Gitarre.
"Guck dich nicht um", meinte Dan, der inzwischen frisch geduscht und mit nassen Haaren inmitten dieses Durcheinanders stand, "das ist bloß mein Zimmer." Er lachte und rubbelte seinen dichten Haarschopf mit einem großen Handtuch.
Das Wohnzimmer war etwas geräumiger, aber vollgestopft mit alten Möbeln. Vor dem Fenster, dessen Scheiben dringend eine Wäsche brauchten, hingen ausgeblichene, farblose Vorhänge. Nur der große Esstisch aus solidem, dunklem Holz, sah gepflegt und einladend aus.
Ein wuchtiger, gemauerter Kamin, dessen obere Hälfte schwarz verrußt war, nahm einen Großteil der Wand gegenüber dem Fenster ein. Auf dem neugezimmerten Kaminsims befand sich ein Sammelsurium an Büchern und Zeitschriften, Pfeifen, Kassetten, Vasen mit und ohne Blumen, Bildern und anderen undefinierbaren Utensilien. Die Wand dahinter war in einem tiefen Rot gestrichen. In einer Ecke stand eine große Kiste mit Brennholz, und daneben stapelten sich alte Zeitungen. Durch die offene Terrassentür schien die Sonne auf mehrere Schichten von leicht verschlissenen Teppichen.
Die Küche lag nach Süden; sie war einfach, aber geräumig und funktionell. Sie war erstaunlich sauber. "Wer kocht?" fragte Clarissa unwillkürlich.
"Also, eigentlich machen wir das abwechselnd. Aber in letzter Zeit habe ich viel im Garten gearbeitet und deswegen hat Neil meistens gekocht." Dan nickte zu ihm hinüber. "Er ist ein guter Koch!"
"Und Dan ist ein ziemlicher Genießer", lachte Neil im Hinausgehen; "aber manchmal kocht er auch." Er war schon fast aus der Tür, als er sich noch einmal umwandte.
"Heute zum Beispiel", sagte er mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht, "heute wird er für uns das Lunch zubereiten. Er hat nämlich gesagt, wenn du ihm gefällst, opfert er sich und lädt dich mit zum Essen ein!"
"Oh, Neil! Das solltest du doch nicht sagen, du Blödkopf!" rief Dan mit gespieltem Ärger; und alle mussten lachen.
"Während ich mit Clarissa den Rundgang beende, kannst du dich hier in Ruhe an die Arbeit machen. Wir sind pünktlich zum Lunch zurück." Damit zog er Clarissa mit sich hinaus. Dan brummelte etwas Unverständliches, und kurz darauf hörten sie ihn mit Geschirr und Töpfen klappern.
In einem kleinen Anbau befand sich noch ein Abstellraum mit einer riesigen Gefriertruhe und einer uralten Bottichwaschmaschine.
"Okay, das wär's", sagte Neil und trat wieder hinaus auf den Hof, "was hältst du davon?" Aber ehe Clarissa antworten konnte, fügte er vorsichtshalber hinzu, "ich weiß, das ist kein Luxushaus. Aber man wohnt ganz gut hier. Und schließlich kommt es vor allem auf die Leute an, mit denen man es teilt. Sie gingen hinüber zu den Kiefern.
"Das ist mein Land dort", er deutete auf die weite, grüne Ebene, die sich hinter den Bäumen auftat. "Na ja, ich hab's von meinem Dad gepachtet. Dort hinten siehst du einen Teil meiner Herde."
Clarissa erkannt in einiger Entfernung eine große Anzahl grasender Schafe.
"Ich lebe eigentlich sehr gerne auf dem Land. Ich glaube, es würde mir hier gefallen." Sie sah sich um. Ja, es würde ihr gefallen. Und im Haus würde sie es sich auch irgendwie einrichten.
"Allerdings ist ja die Anfahrt zu meiner Arbeitsstelle nach Christchurch etwas weit und aufwendig. Aber das nehme ich in Kauf. Schließlich lebe ich hier ja wesentlich billiger."
"Ich werde mich mal umhören wegen einer Mitfahrgelegenheit", versprach Neil. "Vielleicht lässt sich da ja etwas arrangieren."
Als sie später zusammen an dem Tisch vor der offenen Terrassentür saßen - es gab kaltes Fleisch, einen leckeren Salat und dazu Brot, den Wein lehnte Clarissa ab - erzählte Neil von den Nachbarn, die in einiger Entfernung verstreut lebten; er erzählte von Freunden, die sie öfter besuchten, von Grillfesten, die sie bisweilen veranstalteten und von seinen Eltern, die immer noch von Zeit zu Zeit vorbeikamen, um nach dem Rechten zu sehen.
"Und an den Wochenenden ist Gail auch oft hier", meinte Neil, "Dans Freundin aus Christchurch." Er zögerte, aber bevor Dan zu Wort kommen konnte, fügte er noch hinzu, "und manchmal kommt auch meine Freundin, Jenny. Sie studiert in Dunedin."
"Ganz so einsam, wie es aussieht, ist es hier also nicht", Dan wollte auf des 'Frauen'-Thema nicht weiter eingehen. "Und im Winter", begann er zu schwärmen, "im Winter fahren wir hinauf zum Mt.Hutt; zum Skilaufen." Er sah Clarissa herausfordernd an. "Kannst du Skilaufen? Oh, sicher kannst du das. Alle Leute aus Europa können Skilaufen!"
Clarissa lächelte.
Im Winter kommt das Baby. Im Winter ...

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Die Autorin

Deddine Kuschel-Swyter wurde 1949 in Ostfriesland geboren und
lebte viele Jahre lang in Australien und Neuseeland, sowie in Lateinamerika.
Sie zog vier Kinder groß und arbeitete als Bildende Künstlerin
in der Textilkunst und Malerei (unter dem Künstlernamen Loko Suederdiek), und als Gärtnerin und Buchhändlerin.
Eigene Texte (Lyrik und Prosa) haben sie ihr Leben lang begleitet.
Mit "Traumpfade enden nicht" bringt sie ihren ersten Roman heraus.
Deddine Kuschel-Swyter lebt heute in Deutschland (in der Nähe von Göttingen) und im Süden von Spanien.


Deddine Kuschel-Swyter, Larrys Sohn

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Kommentare:

James Henry Burson hat gesagt…

Clarissa - was für ein schöner Name.
Gute Stimmung, auf dem Landsitz und zwei scheinbar attraktive Männer.
Genau diese Stimmung...
Eine schwangere Frau, auf der Suche nach einem neuen Weg - ein Farmhaus mit zwei Typen, deren Garten bereits durch sein Äußeres die innere Ausgeglichenheit eines auf dem Hof aufgewachsenen Farmers verspricht.
Wenn Clarissa ihre eigene Unruhe im Griff hat, könnte das was werden...
Es liest sich gut.
Ich bin gespannt...

schreibtalk hat gesagt…

Danke, lieber James! Ich bin auch schon gespannt!

Herzlich, ELsa