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25. Oktober 2012

Hannah Siebern, Nubila – Das Erwachen



Was als romantischer Ausflug ins Grüne geplant war, wird zu einem absoluten Albtraum. Kathleen und ihr Freund Sam geraten mitten im Wald in eine Hetzjagd zwischen zwei Vampirarten: den Kaltblütern und den Warmblütern.

Als Kathleen wieder zu sich kommt, ist nichts mehr, wie es einmal war. Sam ist tot und sie selbst hat sich in einen Kaltblüter verwandelt. Sie soll fortan für die Warmblüter Sklavenarbeit erledigen. Doch in Kathleen sträubt sich alles gegen dieses neue Leben und sie beginnt, ihren Herren das Leben schwer zu machen...

Nubila: Ein Geschichte über Rassentrennung, Vorurteile und den Wunsch nach Freiheit.


Leseprobe

Kapitel 1
Der Antrag

Der Edelstein an dem Verlobungsring war grün. Grün, wie das Auto, in dem sie fuhren. Grün, wie der Wald, den sie durchquerten. Und grün, wie Kathleens Augen, mit denen sie aus dem offenen Seitenfenster sah, um die Gegend zu betrachten.
Der Ring würde ihr gefallen. Er musste ihr gefallen, denn sonst wäre die ganze Mühe umsonst gewesen. Sam konnte es sich nicht leisten pessimistisch zu sein und sah daher stur geradeaus auf die Fahrbahn. Das kleine Kästchen, in dem das Schmuckstück sich befand, drückte beim Fahren gegen sein Bein und Sam musste sich Mühe geben, um seine Hände am Zittern zu hindern. Kathleen sollte nichts merken, bis es soweit war. Sie sollte nichts ahnen, bis er vor ihr in die Knie ging.
Doch was dann? Was, wenn sie ablehnen würde? Einen Augenblick wandte Sam den Blick von der Straße, um Kathleens Profil zu betrachten, und seine Nervosität drohte ihn zu übermannen. Kathleen war alles, was er sich von einer Frau je gewünscht hatte. Sie war klug, liebevoll und hatte etwas, das Sam als natürliche Schönheit bezeichnen würde. Sie schminkte sich selten und trug auch keine teure Kleidung. Ihre langen braunen Haare band sie meistens zu einem Pferdeschwanz zusammen, damit sie nicht davon gestört wurde. Zum Lesen und zum Autofahren brauchte sie eine Brille, und wie die meisten Frauen hatte sie mit ein paar Problemzonen zu kämpfen. Sie fand ihren Bauch zu dick, ihre Hüften zu breit und ihre Brüste zu klein. Doch in Sams Augen war sie genau richtig. Er liebte ihre Sommersprossen, ihren Schönheitsfleck neben dem Mund und die herzförmige Pockennarbe an ihrem Arm. All die kleinen Details ihres Körpers, die nur er kannte. Und jeder, der es gewagt hätte, Kathleen als schlicht zu bezeichnen, hätte seine Fäuste zu spüren bekommen.
Sam wusste, dass er es den Frauen nicht immer leicht machte. Er war, wie Kathleen scherzhaft zu sagen pflegte, ein Bär von einem Mann. Ein rothaariger Hüne irischer Abstammung, der gerne laut lachte, aber auch plötzlich anfangen konnte zu brüllen, wenn ihn etwas störte. Als Polizist war ihm seine Größe schon oft eine Hilfe gewesen, aber auf die meisten Frauen wirkte seine massige Gestalt eher abschreckend.
Nicht jedoch auf Kathleen.
Sie kannten sich seit vier Jahren und fast genauso lange waren sie ein Paar. Doch würde das genügen, um Kathleen das Ja-Wort zu entlocken?
Als hätte sie seine Gedanken gehört, wandte die junge Frau ihm den Blick zu und lächelte ihn an.
„Ich bin so froh, dass du mich eine Weile aus dem Haus geholt hast, Sam“, sagte sie. „Wenn ich noch etwas länger über diesen dämlichen Gesetzestexten gesessen hätte, dann wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden.“
„Keine Sorge, mein Schatz“, beschwichtigte Sam sie. „In zwei Wochen hast du die Prüfungen fürs Staatsexamen hinter dir und dann bist du bald eine richtig tolle, erfolgreiche Anwältin und bringst alle Kerle hinter Gitter, die ich für dich anschleppe.“
Kathleen grinste breit und warf ihm dann einen schelmischen Blick zu.
„Vielleicht werde ich ja auch die Strafverteidigerin deiner Verbrecher“, gab sie zu bedenken.
„Niemals. Das könntest du mir doch nicht antun.“
„Wenn ich der Meinung wäre, dass du sie zu Unrecht verhaftet hast, dann schon.“
„Ach. Du traust mir also nicht zu, dass ich einen Verbrecher von einem Unschuldigen unterscheiden kann?“
Aus seinen Augen blitzte der Schalk, während er wartete, wie sie mit dieser Frage umgehen würde. Er respektierte Kathleen sehr und genoss es, sie immer wieder damit aufzuziehen, dass sie nach ihrem Studium wahrscheinlich mehr Geld verdienen würde als er. Eine Tatsache, die ihm aber sicher keine schlaflosen Nächte bereiten würde. Seiner Meinung nach maß sich seine Männlichkeit keinesfalls an seinem Kontostand.
„Oh, das traue ich dir schon zu, Sam“, sagte Kathleen schließlich. „Aber jeder Mensch kann sich auch mal irren, oder?“
Sam stieß einen anerkennenden Pfiff aus.
„Mutig, mutig, Frau Staatsanwältin. Ich hoffe, dass Sie Ihre Theorien auch stets beweisen können.“
Kathleen lachte. Sie liebte es, Sam zu necken. Es machte ihr den Stress von der Uni erträglicher.
„Weißt du … Manchmal frage ich mich wirklich, was ich ohne dich tun würde.“
„Wahrscheinlich würdest du dich unter deinen Gesetzesbüchern vergraben und total vergessen, dass man zwischendurch auch mal leben muss“, sagte Sam liebevoll und sah sie an.

Der Fahrtwind zerzauste Kathleens langes Haar und bauschte ihr rotes Sommerkleid auf. Wieder spürte Sam den Druck des Schmuckkästchens in seiner Hose und er wandte schnell den Blick zurück auf die Straße.
Der Ausflug war von langer Hand geplant. Sams Onkel hatte ihm für den Anlass seine Jagdhütte südlich der Great Lakes geliehen. Ein gepflegtes Häuschen, das genau die romantische Atmosphäre verbreitete, die Sam sich vorgestellt hatte. Kathleen war begeistert gewesen, als sie vor einigen Stunden ihre Taschen dort abgeliefert hatten. Doch den Antrag wollte Sam ihr woanders machen. An einem ganz besonderen Ort mitten im Wald. Alles war akribisch vorbereitet und minutiös geplant. Es gab nur einen Unsicherheitsfaktor.
Kathleen.
Was, wenn sie nein sagen würde? Sie konnte alles tun. Schreien, weinen, in Ohnmacht fallen, weglaufen. Egal. Solange nur kein nein über ihre Lippen kam. Dann würde alles gut werden. Sie durfte nur nicht nein sagen.

Nach stundenlanger Fahrt parkte Sam das Auto am Straßenrand und stieg aus. Kathleen schloss aus New Yorker Gewohnheit das Fenster und drückte den Knopf hinunter, obwohl es in dieser Einsamkeit kaum eine Notwendigkeit dafür gab. Danach folgte sie Sam einen Waldweg hinauf.
Ihre Laune war überschwänglich. Sam hatte so ein großes Geheimnis aus dem Ziel der Reise gemacht, dass sie es kaum noch erwarten konnte endlich anzukommen. Sie waren mitten im Nirgendwo. Was konnte es hier draußen schon Besonderes geben?
„Es ist hoffentlich nicht weit“, sagte Kathleen aufgedreht. „Ansonsten wirst du mich nämlich tragen müssen, ich hoffe, das ist dir klar.“
Kathleen war zwar nicht unsportlich, aber sie hatte bereits mehrfach feststellen müssen, dass sie mit Sams Kondition einfach nicht mithalten konnte. Im Gegensatz zu ihr trainierte er regelmäßig und hatte Spaß daran, tagelang wandern zu gehen.
„Dich könnte ich überall hin tragen“, verkündete Sam fröhlich. „Selbst wenn du plötzlich hundert Kilo zunehmen würdest.“
Kathleen lächelte. Vermutlich hatte Sam damit sogar recht. Die kräftige Statur lag bei ihm in der Familie, denn auch sein Vater, sein jüngerer Bruder und alle anderen Männer dieser Seite waren ziemlich groß und stark.
Während sie liefen, ertappte Kathleen sich immer wieder dabei, wie sie innehielt, um den tollen Ausblick zu genießen, der sich auf dem Weg durch die Wälder bot. Bäume, soweit das Auge reichte. In allen Größen und Farben. Die frische Luft kitzelte Kathleens Nase und sie genoss jeden Augenblick in der freien Natur.
Der Pfad stieg ständig an und Kathleen hätte sich gerne etwas mehr Zeit gelassen, um sich umzusehen. Doch Sam drängte unaufhaltsam weiter, als würde er einen bestimmten Zeitplan verfolgen, von dem nur er wusste.
Ohnehin verhielt er sich an diesem Tag äußerst merkwürdig.
Er wirkte so ruhelos und nervös. Das war eigentlich gar nicht seine Art und bereitete Kathleen plötzlich Sorgen. Es wurde langsam dämmrig und der Gedanke, in der Dunkelheit durch den Wald zu irren, ängstigte sie.
„Sam“, begann sie, während dieser ihr über einen umgestürzten Baumstamm half. „Wann erzählst du mir endlich, wo wir hinwollen? Ich komme noch um vor Neugier.“
„Wenn ich es dir erzählen würde, dann wäre es ja keine Überraschung mehr“, gab Sam altklug zurück und Kathleen verdrehte die Augen.
„Ich hoffe nur, dass es ein Lebkuchenhaus ist, zu dem du mich bringst, und kein Waldschrat, den du mir vorstellen willst.“
Wie erhofft lachte Sam, aber es klang ein wenig gezwungen und nicht so unbeschwert wie sonst.
„Waldschrat?“, fragte er. „Du liest wirklich zu viele von diesen Schundzeitschriften über paranormale Wesen. Als nächstes erwartest du noch einen Werwolf zu treffen.“
Beleidigt verschränkte Kathleen die Arme.
„Das ist kein Schund“, beharrte sie. „Es sind fundierte Berichte über ungeklärte Todesfälle, mit denen ich als Staatsanwältin später durchaus in Kontakt kommen könnte. Es verschwinden doch immer wieder Menschen, von denen man danach nie wieder etwas hört. Woher willst du wissen, dass sie nicht wirklich irgendwelchen Monstern zum Opfer gefallen sind?“
„Ach Liebling. Und als nächstes erzählst du mir noch, dass du an den Weihnachtsmann glaubst. Ich bin Polizist. Wenn es wirklich paranormale Wesen gäbe, müsste ich davon doch schon längst etwas mitbekommen haben, oder?“
„Nicht, wenn sie sich gut verstecken. Hier geht es schließlich nicht um Fabelwesen wie Elfen oder Kobolde… Außerirdische wären zum Beispiel möglich. Warum sollte es auf anderen Planeten schließlich kein Leben geben? Du kannst das ja gerne für Unsinn halten. Aber meiner Meinung nach sollte man nicht alles als Unfug abtun, nur weil es nicht zweifelsfrei nachweisbar ist. Es glauben immerhin auch Millionen Leute an Gott, obwohl man den weder sehen noch fühlen kann.“

Sam seufzte. Diese Art von Gesprächen kannte Sam von seinem Bruder. Auch der las gerne Verschwörungstheorien und war erklärter Atheist. Daher wusste Sam aus Erfahrung, dass es besser war, nicht mit Leuten über Glaubensfragen zu diskutieren. In der Regel hatte er bei solchen Gesprächen das Nachsehen, weil ihm nach einer Weile die Argumente ausgingen. Und er hatte wirklich keine Lust, kurz vor seinem Heiratsantrag noch einen Streit mit Kathleen anzufangen.
„Na fein“, lenkte er daher ein. „Du hast recht. Aber du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich habe nicht vor, dir einen Waldschrat vorzustellen. Auch keinen sprechenden Baum oder Felsen, oder was auch immer. Also hab bitte einfach noch ein wenig Geduld, Kathleen. Es wird dir gefallen. Das verspreche ich dir. Wir sind auch schon so gut wie da.“
Kathleen gab sich geschlagen. Sie vertraute Sam und wollte kein Spielverderber sein. Wenn er eine Überraschung für sie hatte, dann würde sie halt warten müssen. Schweigend kletterten sie weiter, bis sie an einem großen Felsen ankamen, der den Blick versperrte. Sam drehte sich um.
„Mach die Augen zu“, bat er mit heiserer Stimme. 
„Du bist verrückt, Sam“, stellte Kathleen kichernd fest, schloss jedoch gehorsam ihre Augen.
„Ich weiß“, gab Sam zurück.
Dann ergriff er mit zittrigen Händen Kathleens Oberarm und führte sie um den Felsen herum. Kathleen spürte, wie die Brise kühler wurde, und konnte sich nur mit Gewalt davon abhalten, die Augen frühzeitig zu öffnen. Die Neugier brachte sie fast um, aber sie wollte auf gar keinen Fall die Überraschung vermasseln. Schließlich blieb Sam stehen und wartete noch einen Augenblick, der Kathleen absolut endlos erschien.
„Jetzt mach deine Augen auf.“
Kathleen gehorchte und der Anblick, der sich ihr erbot, raubte ihr sprichwörtlich den Atem. Sie befanden sich auf einer Anhöhe, unter der sich ein riesiger See erstreckte. Da sie nicht auf den Weg geachtet hatte, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen, welcher es war, aber sie tippte auf den Lake Michigan, weil er der Hütte am nächsten lag. Man konnte von hier aus das Ende nicht sehen und das einzige Merkmal, was sie davon überzeugte, dass es wirklich ein See sein musste und nicht das Meer sein konnte, war die Tatsache, dass das Wasser viel zu ruhig war und sie außerdem in die falsche Richtung gefahren waren, um ans Meer zu kommen.

Die großen Seen als solche hatte Kathleen natürlich schon mehrfach gesehen. Das Faszinierende war allerdings, dass Sam es geschafft hatte, ganz genau den Moment abzupassen, in dem die Sonne langsam im See versank. Das Licht spiegelte sich in dem See und tauchte die ganze Welt in einen wunderschönen, goldenen Glanz.
„Wahnsinn“, sagte Kathleen überwältigt und drückte Sams Hand. „Es ist wirklich wunderschön hier. Wie …“
„Ich habe diesen Ort letztes Jahr auf einer meiner Wandertouren durch die Wildnis entdeckt und da habe ich gleich gewusst, dass das hier genau der richtige Ort ist.“
„Der richtige Ort?“, fragte Kathleen verwundert. „Der richtige Ort wofür?“
Sam kniete sich langsam hin und zog eine kleine Schachtel aus der Tasche. Er klappte sie auf und zum Vorschein kam ein goldener Ring, mit einem grünen Smaragd als Schmuck. Kathleen schlug ergriffen die Hand vor den Mund.

Ein Verlobungsring?
Kathleen spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich, während Sam die gefürchteten Worte aussprach, von denen sie gehofft hatte, sie erst sehr viel später oder sogar niemals zu hören.
„Kathleen“, sagte Sam ernst. „Willst du mich heiraten?“
Kathleen wusste, was von ihr erwartet wurde. Sie sollte ja sagen. Ein Heiratsantrag war nichts, was man leichtfertig stellte. Und Sam hatte sicherlich lange mit sich gerungen, bevor er beschlossen hatte, vor ihr in die Knie zu gehen.

Eigentlich hätte sie es sich denken können. Als Sam sie zu einem Ausflug in die Wildnis überredet hatte, um sie dann zu diesem romantischen Ort zu bringen, hätte sie wissen sollen, dass mehr dahinter steckte. Aber heiraten?
Kathleen zögerte. Unschlüssig, was sie antworten sollte. Sie liebte Sam und hatte vor, ihr Leben mit ihm zu verbringen. Sie führten seit vier Jahren eine glückliche Beziehung und standen mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Kathleen hatte ihr Jurastudium zwar noch nicht abgeschlossen, aber Sam war voll berufstätig und arbeitete schon seit mehreren Jahren bei der Polizei.
Natürlich hatten sie schon einmal über das Heiraten gesprochen. Sie hatten darüber geredet und beschlossen, dass es unnötig war. Es brachte unnötige Komplikationen mit sich und reduzierte die Beziehung auf einen Vertrag, den man unterschrieben hatte und den man sich nicht wieder zu lösen traute. Warum also heiraten?
„Kath. Ich habe ja wirklich viel Geduld, Liebling. Aber diese Position ist äußerst unbequem. Ich kann es ja verstehen, wenn du nein sagst. Aber bitte sag überhaupt irgendetwas.“
Sie sollte ja sagen. Sie wusste, dass sie ja sagen sollte. Doch das Wort wollte ihr einfach nicht über die Lippen kommen.
„Warum?“, fragte sie stattdessen.
„Warum?“
„Ja. Warum. Warum willst du mich heiraten?“, präzisierte Kathleen die Frage.
Sam lachte. Es war ein angenehmes Lachen, das durch den ganzen Wald zu hallen schien und der Situation ein wenig ihrer Ernsthaftigkeit nahm. Vögel flogen erschrocken auf und brachten die Bäume um sie herum zum Rascheln. Sofort entspannte Kathleen sich wieder und lächelte. Sie liebte Sams Lachen. So wie sie fast alles an ihm liebte. Seine massige Gestalt, seine roten Haare und sein männliches Getue, wenn es darum ging, sie zu beschützen. Doch vor allem liebte sie seinen Humor.
„Oh Kath“, sagte Sam amüsiert. „Ich glaube, wenn du sofort ja gesagt hättest, dann hätte ich dich gar nicht mehr heiraten wollen.“
„Aber, ich …“, versuchte Kathleen sich zu verteidigen. „Ich meine ja nur, weil wir doch beschlossen hatten, dass es unnötig ist. Du hast damals gesagt, dass du Heiraten für absoluten Blödsinn hältst. Für altmodisch und veraltet. Ist es wegen meinen Eltern? Es stimmt schon, dass ich mich allein fühle, seitdem sie gestorben sind, aber … Du musst das nicht deswegen tun, Sam. Ich weiß, dass du dich immer um mich kümmern würdest, ganz egal ob wir verheiratet sind oder nicht. Ich weiß, dass …“
„Kathleen“, unterbrach Sam sie und schüttelte ungläubig den Kopf. Er stand jedoch nicht auf, sondern blieb in derselben Position, sodass er ihr gerade bis zur Brust reichte. „Ich weiß, was ich mal gesagt habe, und damals habe ich das durchaus ernst gemeint. Aber das ist lange her und ich bin inzwischen erwachsener geworden. Mit der Zeit lernt man, die Dinge anders zu sehen, und genau das habe ich getan.“
Er seufzte.
„Kathleen Brown“, sagte er dann und es klang, als hätte er sich seine Worte lange vorher genau überlegt. „Ich liebe dich, seitdem ich dich das erste Mal gesehen habe. Du warst und bist für mich die absolute Traumfrau. Ich möchte eine Familie mit dir gründen, Schatz. Sieh das Ganze nicht als Vertrag, Liebling. Sieh es als Versprechen. Als Versprechen einander zu lieben und einander immer beizustehen. In guten wie in schlechten Zeiten. Ich möchte, dass wir einen gemeinsamen Namen tragen. Meinetwegen auch deinen, wenn es sein muss. Hauptsache, wir sind eine richtige Familie. Also jetzt mein zweiter Versuch. Und sei bitte ehrlich. Willst du mich heiraten?“
Seine Augen flehten sie an. Kathleen hatte ihn noch nie so verletzlich gesehen und während die Sonne immer tiefer in den Weiten des Sees versank, wurde ihr plötzlich klar, dass Sam sich trotz seiner äußeren Ruhe alles andere als sicher war, wie ihre Antwort ausfallen würde. In diesem Moment wurde Kathleen klar, dass diese Unsicherheit absolut unbegründet war. Sie würde ihn heiraten.
Natürlich würde sie ihn heiraten.
Ein Gewicht schien von ihrer Brust zu fallen und sie lächelte breit.
„Du verdammter Brummbär“, schimpfte sie und fiel ihm um den Hals. „Selbstverständlich werde ich dich heiraten.“
Sie drückte sich, so eng es möglich war, an ihn und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.
„Gott sei Dank“, sagte Sam erleichtert und stand mit ihr zusammen auf. „Ich hatte schon befürchtet, ich mache mich hier umsonst zum Affen.“
Kathleen lächelte und streichelte seinen Rücken.
„Ach, Sam. Du hast doch wohl nicht wirklich gedacht, dass ich nein sagen würde, oder?“
„Na ja. Also einen Augenblick lang bin ich schon ganz schön ins Zweifeln geraten.“
„Ach wirklich? Und was hättest du dann getan?“
„Nun. Deswegen habe ich ja diesen Ort ausgesucht. Hier könnte ich mich nämlich in dem Fall einer Absage gleich im See ertränken.“
Kathleen gab Sam einen spielerischen Klaps und sah ihn vorwurfsvoll an.
„So etwas darfst du noch nicht einmal denken“, sagte sie streng. „Dieser See ist viel zu schön, um Leichen darin zu entsorgen. Außerdem hast mir gerade noch gesagt, dass du eine Familie mit mir gründen willst, schon vergessen? Ich brauche dich also noch.“
„Aha. Also bin ich jetzt schon nur noch fürs Kinderhüten gut, was?“
Kathleen lächelte und zog dann Sams Kopf zu sich hinunter, um ihn zu küssen. Als ihre Lippen sich berührten, breitete sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper aus und erwärmte sie von innen.
Sams Hände glitten ihren Rücken hinab und blieben schließlich auf ihrer Hüfte liegen, während er den Kuss weiter vertiefte. Eine Hand wanderte zurück an ihren Hinterkopf und sorgte dafür, dass sie sich seinem Griff nicht entziehen konnte. Doch nichts hätte ihr ferner gelegen.
Sam zu küssen war schon immer sehr schön gewesen. Aber es jetzt in dem Wissen zu tun, dass er bald ihr Ehemann sein würde, war ein ganz besonderes Gefühl. Automatisch presste Kathleen sich enger an ihren Verlobten und krallte ihre Hände in seine Haare. Sein riesiger Leib umschlang sie und schirmte sie vor dem kalten Wind ab. Sie konnte sich vollkommen gehen lassen und genoss jeden Moment der Nähe mit ihm. Sams Hand wanderte von Kathleens Hüfte weiter nach vorne und eine unerwartete Welle der Lust erfasste sie.
Es sollte eigentlich verboten sein, mitten in der Wildnis Lust auf Sex zu bekommen. Es war kalt geworden und die Steine unter ihr wirkten auch nicht besonders einladend. Aber trotzdem verspürte Kathleen einen unwiderstehlichen Drang, Sam zu Boden zu werfen und hier auf der Stelle mit ihm zu schlafen.
Genau in diesem Moment ertönte ein helles Kreischen und ließ sie beide ruckartig auseinander fahren. Erschrocken sahen sie sich nach der Quelle des Geräusches um, aber in der Dunkelheit war absolut nichts zu erkennen. Sie hielten inne und lauschten gespannt, doch der Schrei wiederholte sich nicht.
„Das war bestimmt nur eine Eule“, sagte Sam beruhigend und strich Kathleen über den Rücken.
Kathleen nickte, aber der Schreck hatte sie jeden Gedanken an Sex vorübergehend vergessen lassen.
Sie befanden sich mitten im Nirgendwo.
Der Wind frischte auf und Kathleen erzitterte unwillkürlich. Als Sam das sah, zog er sofort seine Jacke aus, um sie ihr über die Schultern zu legen. Sie war ganz warm von seinem Körper und Kathleen lächelte dankbar.
„Vielleicht sollten wir lieber wieder zum Auto gehen, bevor es noch dunkler wird. Um den Weg richtig zu sehen“, schlug sie vor.
„Warte noch“, bat Sam jedoch und hielt sie von hinten umschlungen, sodass sie sich an ihn lehnen konnte. Die Sonne war inzwischen untergegangen, aber das Licht reichte immer noch aus, um sein Gesicht deutlich erkennen zu können.
„Ich möchte dir den Ring anstecken“, sagte Sam und schob Kathleen den schönen Ring über den Finger. „Es ist ein Erbstück aus der Familie meiner Mutter. Ich fand, die Farbe passt so wunderbar zu deinen Augen. Deswegen habe ich darum gebeten, ihn jetzt schon zu bekommen.“
„Er ist atemberaubend“, sagte Kathleen begeistert und spreizte die Finger, um das Schmuckstück besser betrachten zu können. Der Ring passte wie angegossen. „Danke, Sam. Ich … Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Du hast doch schon längst gesagt, was ich hören wollte“, gab Sam zufrieden zurück. „Solange du deine Meinung in Bezug auf die Verlobung nicht wieder änderst, ist mir von jetzt an egal, was du sagst.“
Kathleen schmunzelte und lehnte ihren Kopf an Sams breite Brust. Sie hatte das Gefühl, ewig so stehen bleiben zu können, aber als sie wieder leicht anfing zu zittern, ließ Sam sie seufzend los und führte sie an der Hand wieder in den Wald hinein.
„Komm, Kathleen“, sagte er zärtlich. „Zeit, zurück zum Auto zu gehen.“
Der Rückweg gestaltete sich erheblich schwieriger als der Hinweg. Sam hatte nicht daran gedacht, eine Taschenlampe mitzunehmen, sodass sie nur sehr langsam vorankamen. Kathleen fühlte sich durch die Dunkelheit verunsichert. Ihre leichten Schuhe waren fürs Wandern äußerst ungeeignet, da sie jedes Steinchen durch die Sohle spüren konnte, und die gigantische Jacke von Sam hielt zwar den kühlen Wind ab, aber sie förderte nicht gerade die Beweglichkeit.

Inzwischen war auch das letzte Sonnenlicht verschwunden und der Mond schien immer wieder zwischen den Zweigen hindurch.
„Sieh nur“, sagte Kathleen, als sie an einer freien Stelle entlang kamen. „Es ist Vollmond.“
„Ach wirklich?“, sagte Sam und blickte ebenfalls nach oben. „Wow. Dieser Abend wird ja besser und besser, was?“
Kathleen lächelte und ließ sich von Sam weiterziehen. Das leichte, sanfte Mondlicht erhellte den Weg, aber sorgte auch dafür, dass bloße Baumstämme sich zu eigenartigen Fratzen verzogen und ein harmloser Busch auf einmal wirken konnte wie ein wildes Tier.
Eine Eule schrie ganz in der Nähe und Kathleen zuckte bei dem Geräusch automatisch zusammen.  Das ist nur ein Tier, redete sie sich gut zu, hatte aber damit wenig Erfolg. Ein eigenartiges Gefühl der Kälte durchfuhr sie, das nichts mit der Temperatur zu tun hatte, und sie spürte, wie sie erschauerte.
„Kath“, sagte Sam und nahm sie vorsichtig in den Arm. „Alles in Ordnung mit dir? Du zitterst ja schon wieder.“
Kathleen sah nach oben und erkannte wieder den Mond zwischen den Bäumen. Und ganz plötzlich überkam sie ein merkwürdiges Gefühl, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. (...)



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Die Autorin
Hannah Siebern wurde 1986 in Münster (NRW) geboren und studiert an der Uni Dortmund Erziehungswissenschaften. Geschichten schrieb sie schon als Kind leidenschaftlich gerne. Ihre ersten Werke handelten von fiktiven Abenteuern, die sie mit ihren Freundinnen erlebte. Jahre später entdeckte sie dann ihre Liebe zu Fantasyromanen und schrieb mit 23 ihr erstes komplettes Buch.

Inzwischen lebt sie mit ihrem Freund, und ihrem Hund in Coesfeld (NRW), und arbeitet an ihrem Masterstudium genauso hart, wie an der Fortsetzung ihrer ersten drei Romanteile: Nubila-Das Erwachen, Nubila-Aufstand der Diener und Nubila-Familienbande.


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