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27. August 2014

Anne Gard, Liebe auf den letzten Klick




Lizzy Rosenmüller kann es kaum glauben: Hier liegt sie mit Paul, den sie vor wenigen Stunden noch gar nicht kannte, auf einem schicken Hotelbett. Mittendrin in einem heißen Date. Und beiden geht es nur um eines: unkomplizierten, guten Sex. Dabei wollte Lizzy über Friendscout doch die große Liebe finden. Ihre Kinder und der Ex-Mann sind fast aus dem Haus, und nun heißt es, noch mal von vorne anfangen. Unerschrocken klickt sich Lizzy durch die Männerwelt und probiert von schüchternen Treffen bis hin zu aufregenden Fesselspielen alles aus. Eine sexy abenteuerlustige Suche nach Mr. Right, mit vielen komischen, aber auch äußerst befriedigenden Erlebnissen. Lizzy Rosenmüller entdeckt die Welt des Online Datings, und ganz nebenbei sich selbst …


Leseprobe


Kapitel I

Freche Dates und Zinksärge



Leise rollt der schwarze BMW vor den Eingang des Luxushotels.
Es ist dunkel, es schneit, und es ist bitterkalt.
Mit feuchten Händen hocke ich auf dem mittlerweile kochend heißen Beifahrersitz, die Beine damenhaft zusammengepresst. Will wenigstens wie eine Dame aussehen, wenn ich schon in wenigen Augenblicken keine mehr sein werde.
Ich würde mein Date gern bitten, die Sitzheizung herunterzudrehen, aber ich schaffe es ja nicht mal, ein einziges verständliches Wort zu denken, wie sollte ich da eins artikulieren können! Also halte ich lieber die Klappe und bete, dass mein Kleid durch die Sitzheizung nicht aussieht, als hätte ich den Titel Pennerin des Jahres bereits in der Tasche. Aber in diesem alles entscheidenden Augenblick geht es ja auch gar nicht um den gebügelten oder nicht gebügelten Zustand irgendeines belanglosen Fetzens, sondern um das Leben oder Nicht-Leben der Lizzy Rosenmüller – also um mein Leben oder Nicht-Leben. Und um die Frage, ob ich dieses Hotel auch wieder verlassen werde und wenn ja, wie ich es verlassen werde.
In einem Zinksarg, auf einer Sanitätsbahre oder so, wie ich in das Hotel reingegangen bin – in einem zerknitterten schwarzen Kleid und auf meinen eigenen, gesunden, epilierten, eingecremten, leicht solariumgebräunten Beinen laufend.
Schließlich habe ich heute das getan, was meine Mutter mir bereits als junges Ding eingebläut hat niemals zu tun und was ich auch niemals getan hätte, weder mit 15 noch mit 25 noch mit 35!
Erst jetzt – mit 45!
Ich bin in das Auto eines fremden Mannes gestiegen, den ich über das Internet kennengelernt habe. Und zu meiner Verteidigung kann ich nicht mal behaupten, er hätte mich mit schwulstigen Liebesbeteuerungen hinters Licht geführt, schließlich hat er mich keine Sekunde lang über seine unlauteren Absichten im Unklaren gelassen.
Plötzlich meldet sich meine innere Stimme. Es ist noch nicht zu spät, Lizzy! Du kannst einfach aussteigen und zurück zum Bahnhof laufen. Ist gar nicht weit! Hab ich schon gegoogelt!
Aber ich will doch gar nicht aussteigen! Ich will was erleben! Jetzt gleich! In diesem Hotel, mit diesem Mann, mit dem ich seit drei Wochen über Friendscout24 chatte und den ich erst vor knapp einer Stunde persönlich kennengelernt habe.
Bei einem Drink in einer Bar.
Ganze 25Minuten lang haben wir uns gegenseitig beschnuppert, bis klar war, dass …
Plötzlich wird mir die Tragweite meines Vorhabens bewusst. Schon nutzt meine innere Stimme den Moment meiner Unsicherheit schamlos aus, um erneut auf mich einzupredigen.
Und ich muss zugeben – sie hat ja so was von Recht!
Das, was ich mache, ist gefährlich!
Auf Friendscout24 habe ich mich angemeldet, um den Mann fürs Leben zu finden. Und dann lief mir ein ganz anderer Mann über den Weg. Ich wollte mutig sein, dabei bin ich es doch gar nicht! Ich wollte sehen, was geschieht, wenn ich das Abenteuer suche und es womöglich auch noch finde.
Aber alles, was passiert, ist das, worauf meine innere Stimme schon die ganze Zeit über gehofft hat – mich überkommt Torschlusspanik, ich besinne mich auf meine gute Stube und auf Mamas mahnende Worte.

Mein Herz pocht, als mir die vielen Zeitungsberichte in den Sinn kommen über all die armen dummen Gören, die sich mit einem Fremden treffen und ihm dann in seine Wohnung folgen, wo er sich noch vor dem versprochenen Kaffee als brutaler Lustmörder entpuppt. Gerade als meine innere Stimme erneut Luft holt, um mich just vor diesem Kaffee zu warnen, lenkt mich ein männlich tiefes Räuspern von ihren gut gemeinten Worten ab.
Erschrocken zucke ich zusammen, während der Mann, von dem das Räuspern kam, mir lässig ein bezauberndes Lächeln schenkt – wenn auch mit der stummen Bitte, endlich aus dem Auto zu steigen und das Hotel zu betreten.
Jetzt sofort. Und zwar allein.
Schließlich muss er an seinen guten Ruf denken, wo er in diesem Hotel doch auch seine Großkunden untergebracht hat.
Was für ihn natürlich äußerst praktisch ist – nach dem Sex geht’s ohne große Umschweife weiter zum Morning Meeting.
Ja, der Mann sieht nicht nur blendend aus, obendrein beherrscht er auch noch die Gesetze des Zeitmanagements.
Wie sonst sollte ein erfolgreicher Geschäftsmann alles unter einen Hut bringen? Steile Karriere, aufregenden Sex und dann auch noch acht Stunden gesunden Schlaf, samt reichhaltigem Frühstücksbuffet. Ich allerdings werde in dem Fünf-Sterne-Hotel weder acht Stunden schlafen noch in den Genuss des reichhaltigen Frühstücksbuffets kommen, das hat mir mein Date in einer seiner knappen Mails bereits höflich, aber unmissverständlich mitgeteilt.
Seine Mails sind immer knapp und unmissverständlich, wenn auch nicht immer höflich.
Ich steh drauf, wenn du deine High Heels im Bett anlässt.
Magst du Strapse?
Trägst du ein Höschen unter dem kleinen Schwarzen?
Genauso knapp und unmissverständlich hat Paul mir vom ersten Chat an klargemacht, dass es für uns beide nur Sex und keine ernsten Absichten geben wird. Auch wenn mich seine Worte mal gucken, was passiert hoffen lassen, dass dieser wunderschöne, gebildete Mann mit den geschliffenen Umgangsformen letztendlich doch noch in Liebe zu mir erglühen wird.
Bildung und Umgangsformen hat er ja gerade eben bei dem Drink bewiesen, mit dem ständigen, wenn auch sehr dezenten Blick auf seine Uhr, schließlich muss er morgen früh wieder fit sein, als hart arbeitender Geschäftsmann auf der Jagd nach dem schnöden Mammon. Hotels, BMW und freche Dates müssen ja auch irgendwie bezahlt werden!
Auch wenn die versprochene Stunde, die er mir auf mein Drängen hin gewähren wollte, letztendlich auf mickrige 25 Minuten reduziert wurde …
Eine Stunde = 45 Minuten (Paul rechnet offenbar in Schulstunden) minus drei Minuten Begrüßung am Ausgang des S-Bahnhofs –Küsschen links, Küsschen rechts.
»Hab dich gleich erkannt, gut siehst du aus, genau wie auf deinem Profil«, (was nicht immer der Fall ist, vor allem, wenn die Bilder schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben und der Flirtpartner im Laufe dieser paar Jährchen auch gleich einen Buckel bekommen hat), dann sieben Minuten 100-Meter-Sprint zur Bar (Hell on High Heels hat für mich eine ganz andere Bedeutung als für meinen Begleiter, muss ich in diesen Schuhen jetzt doch tatsächlich auch laufen!). Eine Minute hektisches Tisch Suchen, zwei Minuten hektisches Drink Auswählen und zu guter Letzt sieben Minuten hektischer 100-Meter-Sprint zurück zu seinem Auto. Ergibt schlussendlich 25 Minuten Redezeit, die Paul mir nur ungern, trotzdem höflich, zugesteht.
Ja, er ist eben ein wahrer Gentleman.
Wobei ich gar nicht auf beiläufigen Smalltalk aus bin.
Nein, ich will diesen Mann kennenlernen, will wissen, was er denkt, was er fühlt, was er sich vom Leben erhofft, um ihn schnellstmöglich in mein nach Liebe und Hingabe lechzendes Herz zu schließen. Bin nun mal eine waschechte Romantikerin.
Und so habe ich mich die letzten Tage auch hemmungslos der Hoffnung hingegeben, dieses schwarze Schaf zu bekehren, um es schnellstmöglich wieder auf den rechten Weg zu führen – den Weg zu meinem Herzen und zur wahren Liebe.
Auch wenn ich jetzt, in diesem Augenblick, am liebsten nur meinem Mutterinstinkt folgen und ihn trösten möchte, hat er mir doch gerade eben gestanden, kein Schwein kümmere sich um ihn, nicht mal seine Tochter.
Dieses traurige Geständnis entlockte ihm das dritte Klingeln meines Handys. Als Erstes rief meine Tochter an, dann meine Freundin und zu guter Letzt auch noch meine Cousine, allesamt voller Sorge, wie es mir mit diesem Fremden wohl erginge. Wobei natürlich nur meine Freundin wusste, was dieser böse Schönling mit ihrer ach so braven Freundin vorhatte. Meine Tochter und meine Cousine wussten zwar von meiner Partnersuche auf Friendscout24, nicht aber, dass ich das Tal der Unschuld verlassen wollte, um auf dem Gipfel der Lust zu finden, wonach ich mich sehnte. Sexuelle Befreiung und – Liebe!
Dass mein Flirtpartner nur sexuelle Befreiung sucht (oder »freche Dates«, wie er es verniedlichend ausdrückt), war auf seinem Profil allerdings nicht zu erkennen, sonst hätte ich ihn natürlich nicht kontaktiert, egal wie mutig ich mich jetzt auch fühle.
Oder … vielleicht doch?
Nun ja …
Ich weiß es nicht.
Woher denn auch?
Bis vor ein paar Tagen wusste ich ja noch nicht einmal, was ein freches Date ist (klingt jedoch viel besser als »One-Night-Stand«).
Dass ein Gespräch und ein Kennenlernen nicht unbedingt zu dieser Art sexorientierter Freizeitgestaltung gehören, wusste ich natürlich auch nicht. Schließlich ist dies mein erstes freches Date, und die Benimmregeln beherrsche ich noch nicht so recht. Sofern man überhaupt von Benimmregeln sprechen kann. Oder von Benimm.
Pauls Bemerkung, das Ganze passe sicherlich auch ohne Gespräch, außer wir seien uns gänzlich unsympathisch, hätte mich wohl stutzig machen sollen, tat sie aber nicht.
Ja, Paul hat mir sehr schnell seine Absichten offenbart, und es sind nicht unbedingt die ehrenwertesten.
Und so sitze ich, eine 45-jährige Frau mit Erfahrung und Menschenkenntnis, jetzt schmachtend und voller Gottvertrauen in diesem viel zu warmen Auto, neben einem mir absolut fremden Mann, während dieser hofft und betet, dass ich schnellstmöglich aussteige und endlich der von ihm heiß ersehnte Schwung in den Abend kommt.
Der Motor läuft, die Uhr tickt, Pauls Lächeln droht zu verblassen.
Ich lächele zurück, charmant und selbstsicher, wie ich hoffe, will ja nicht schon bei meinem allerersten frechen Date wie ein schamhaftes Mädel vom Lande auftreten, noch dazu wie ein altes schamhaftes Mädel vom Lande, oder noch viel schlimmer, wie eine von den Männern ach so verhasste Zicke.
Ich öffne die Tür, strecke mein Bein hinaus, rutsche, wie ich hoffe, elegant und keineswegs linkisch vom Sitz Richtung Schnee und Kälte. Vorsichtig setzte ich meine High Heels auf das Kopfsteinpflaster, um nicht in einer Rille stecken zu bleiben, während ich zu Gott bete, dass mir das elegante Hinaushieven aus der Luxuskarre auch gelingt.Trage nämlich kein Höschen. Nur Strapse.
Nun seid nicht so schockiert, dies hier ist schließlich kein Jane-Austen-Roman und mein Flirtpartner auch kein Mann mit Anstand und Moral. Nein, mein Held steht nun mal drauf, dass das Objekt seiner Begierde gleich auf dem Silbertablett serviert wird. Er hat ja auch keine Zeit zu verlieren.
Also habe ich das Höschen weggelassen, um ihm das lästige Entkleiden zu ersparen. Bin eben eine praktische Frau.
Allerdings erwiesen sich die Warterei am Bahnsteig und die 40-minütige Zugfahrt zu meinem ersten frechen Date dank meines minimalistischen Kleidungsstils doch als unangenehmer als erwartet. Das Wort »arschkalt« hat für mich nun eine ganz neue Bedeutung. Außerdem bedarf es enormen Geschicks, dem Gegenüber nicht durch eine unbedachte Beinstellung einen unverhofft tiefen Einblick zu gewähren. Ist vielleicht nicht jeder so offen, wie ich es heute Abend während dieser Zugfahrt war.
So hoffe ich jetzt beim Aussteigen aus der Luxuskarre auch genügend Halt auf dem Pflaster zu finden (wer um alles in der Welt kommt auf die Idee, die Auffahrt zu einem Luxushotel mit einem Kopfsteinpflaster zu versehen!), anstatt auf die Schnauze beziehungsweise auf meinen nackten Hintern zu fallen, um dann jedem, der es will oder auch nicht will, zu zeigen, was ich unter dem kleinen höschenlosen Schwarzen trage.
Wie schon erwähnt – nichts.
Sogar weniger als nichts.
Was bin ich froh, mich mit Youporn weitergebildet zu haben.
Ich hatte ja keine Ahnung, dass man heutzutage keinen Pelz mehr trägt. Dank sei PETA und der scharfen Yvette.
Bevor mein Partner nun unter einer Krise leidet (unter der Wie KRISE schnellstmöglich ins Bett-Krise!), weil die Olle sich so dermaßen dämlich anstellt, lüfte ich meinen Arsch, während ich gleichzeitig verzweifelt versuche, die Balance auf meinen dünnen Bleistiftabsätzen zu halten. Klappt ganz gut, und schon marschiere ich mit hüft- und arschwackelnden Schritten wie Heidi Klums Gören auf dem Catwalk durch die Eingangstür, schnurstracks am Empfang vorbei. Zum Glück hat mir mein vorausdenkender Flirtpartner noch im Auto sitzend das Zimmerkärtchen in das schwitzige Händchen gedrückt. Den freundlichen Damen an der Rezeption schenke ich ein höflich distanziertes Nicken, ganz so, als ob ich ständig in irgendwelchen Luxushotels rumhinge, auch wenn ich mich im Moment weniger als Gast, mehr als in Lohn stehende Liebesdienerin fühle. Natürlich nicht als billige Nutte, sondern als Edelcallgirl, schließlich trage ich zu den High Heels dieses tolle Cocktailkleid (acht Euro auf dem Basar des katholischen Frauenbundes) und einen klassischen, enggeschnittenen Mantel (40 Euro im Secondhandladen).
Kurz kommt mir der Gedanke, dass so ein Nebenjob als Callgirl vielleicht meine magere Haushaltskasse aufbessern könnte, so dass ich mein mit Spaß verdientes Geld auch mal in einer Edelboutique verpulvern könnte, anstatt immer nur beim Kirchenbasar. Ich verwerfe ihn aber sogleich wieder – nicht aus moralischen Gründen, nein, über den Punkt bin ich schon längst hinaus, sondern wegen der familienunfreundlichen Arbeitszeiten. Als geschiedene Mutter kann ich mir nun mal nicht die Nächte um die Ohren hauen, wie verlockend der Verdienst auch sein mag.
Allerdings könnte ich mir mit so viel Kohle ja auch einKindermädchen leisten …
Aber im Moment habe ich anderes zu tun, als über die fünf Ks nachzudenken – Kinder, Kirche, Küche, Kohle, Kallgirl –, muss ich mich doch an die Zimmernummer erinnern.
Paul hat sie drei Mal wiederholt.
221.
Oder war es die 121?
Die 122?
Es war ganz sicher die 112!
Ach nein, das ist ja der Notruf!
Der Notruf?!
Hilfe!
Das ist ein Zeichen!, meldet sich meine innere Stimme schon wieder zu Wort. Kind, glaub mir! Paul ist ein Mörder! Ein Axtmörder. Oder ein eiskalter Frauenmeuchler. Ein Sadomasochist, der dich fesseln und quälen wird!
Aber Lizzy, das hatten wir doch schon alles!, ermahne ich meine innere Stimme. Wir kennen seinen Vornamen und seine Handynummer – was soll da schon passieren?!
Manchmal sollte man innere Stimmen ganz einfach ignorieren, auch wenn mir natürlich schon klar ist, wie der heutige Abend enden könnte, selbst wenn ich mehr von diesem Mann wüsste als einen möglicherweise erfundenen Namen und eine Handynummer, die man wahrscheinlich nicht mal zurückverfolgen kann. Der Abend könnte nämlich genau so enden, wie ich es meiner Tochter als verantwortungsbewusste und treusorgende Mutter vor jedem Treffen mit Jungs wortreich schildere, und erst recht wortreich schildern würde, hätte sie sich mit einem Wildfremden aus dem Internet zum f***** verabredet.
Ich vermute sogar, dass Paul gar kein Paul ist (wie Paul mit Nachnamen heißt, weiß ich natürlich auch nicht), sondern irgend so ein Heinz, auf der Suche nach einer leichtgläubigen, liebeshungrigen Tussi. Wobei ein Heinz wahrscheinlich nicht so eine supertolle Kiste fahren oder für ein paar Stunden ein schweineteures Zimmer in einem Fünf-Sterne-Hotel buchen würde.
Aber was weiß ich schon von den Heinzes dieser Welt!
Gar nix!
Abgesehen davon habe ich jetzt auch wirklich keine Zeit, über die Gefahren des Onlinedatings nachzudenken, denn dank meiner weiblichen Intuition stehe ich plötzlich vor einer Tür, deren Zimmernummer mich irgendwie an die erinnert, die Heinz verzweifelt versucht hat, mir einzuprägen. Wäre peinlich, wenn ich mich irren würde und er glauben könnte, dass mein IQ nicht mal den einer Scheibe labberigen Weißbrots überträfe.
Ich halte die Luft an und schiebe das Kärtchen in den dafür vorgesehenen Schlitz.
Die Tür öffnet sich. Eine schwarze, alles verschlingende Finsternis tut sich vor mir auf, so finster wie die Leere, die ich ganz plötzlich tief in mir drinnen verspüre.
Nein! Will jetzt keine Leere verspüren! Schließlich ist es ja auch meine freie Entscheidung, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Mehr oder weniger meine freie Entscheidung, denn nachdem ich mich mit allen möglichen Fröschen getroffen hatte, manch einen auch geküsst habe, sich aber kein Einziger davon in einen Prinzen verwandeln wollte, egal wie sehr ich es mir gewünscht habe oder wie sehr ich versucht habe, es mir einzubilden, habe ich mir vorgenommen, mich nur noch auf den Sex-Teil zu konzentrieren.
Wenn es mit der Liebe schon nicht klappt!
Denn obwohl ich mir letztens einen wirklich tollen Vibrator mit regelbaren Stufen geleistet habe, sehnen sich mein Körper und meine Seele nach menschlicher Wärme, selbst wenn ich diese nur im Rahmen eines frechen Dates erfahre und nicht durch die Seelenverwandtschaft mit einem geliebten Menschen.
Man kann nun mal nicht alles haben.
Frau erst recht nicht.
Und so vertreibe ich die Geister der Dunkelheit mit einem einfachen Griff zum Lichtschalter …
Vor mir liegt ein schmaler, kurzer Flur, rechts das Bad, geradeaus ein großes Fenster mit atemberaubendem Blick über die nächtlich beleuchtete Stadt.
Und dann sehe ich das, was heute Abend für uns beide von entscheidender Bedeutung sein wird.
Bei dem Anblick des großen Bettes fühle ich mich plötzlich fremd, fremd in diesem Zimmer, fremd in meinem eigenen Leben.
Die ganze Situation ist so surreal, andererseits auch so verdammt real. Zu real und zu vorhersehbar!
Und obwohl das Ambiente perfekt ist, frage ich mich, wo bei einem frechen Date das Herantasten durch einen zärtlichen Kuss, durch zaghaftes Händchenhalten bleibt, wo das Einstimmen auf das Kommende bei einem Spaziergang oder einem entspannten Gespräch.
Wo bleibt die Romantik?
Wo bleiben die Schmetterlinge?
Wo bleibt Jane Austen?
Und wo um alles in der Welt bleibt mein Date?!
Hat er kalte Füße bekommen?
Aber warum?
Bin ich ihm nicht hübsch genug?
Nicht attraktiv genug?
Zu alt?
Zu dumm?
Zu dünn? (Sieben Kilo inklusive meines Busens sind in den letzten Monaten auf der Strecke geblieben, was ja auch nicht verwunderlich ist bei diesem ständigen Auf und Ab auf der Achterbahn der Gefühle!)
Was soll ich bloß machen, wenn Paul nicht auftaucht?
Na – was schon!
In eisiger Kälte zum Bahnhof dackeln und zurück aufs unschuldige Land flüchten, wo ich mich im stillen Kämmerlein ungeniert dem Kummer über mein jämmerliches Liebesleben hingebe, Pralinen und Taschentücher und Fernbedienung in Reichweite.
Außer …
Außer ich gönne mir doch noch die Freuden einer Fünf-Sterne-Übernachtung – diesmal allerdings inklusive acht Stunden Schönheitsschlaf, gefolgt von einem großen Frühstücksbüfett.
Die Kinder sind versorgt, schließlich glaubte ich, als ich diese Einladung angenommen habe, sie gälte für die ganze Nacht. Inklusive Kuscheln.
Dumme, dumme Lizzy!
Sicherheitshalber entledige ich mich meines Mantels, nur für den Fall, dass Paul doch noch auftaucht. Ordentlich hänge ich ihn auf einen Bügel an der Garderobe, dann husche ich ins Bad und krame den Kosmetikbeutel aus meiner Handtasche hervor. Könnte ja sein, dass meine fünf Lagen Lippenstift oder die drei Lagen Wimperntusche verschmiert sind oder sich eine Strähne aus meiner Betonfrisur gelöst hat (hab ein bisschen zu viel Haarspray erwischt).
Zum Glück bin ich mit Kosmetik und Duschzeug ausgerüstet, als würde ich die nächsten drei Tage in diesem Hotelzimmer verbringen und nicht nur die nächsten drei Stunden.
Mehr werden mir auch nicht gewährt werden, denn mein Date will mich bereits um 22 Uhr wieder am Bahnhof absetzen. Paulchen muss morgen sehr früh aus den Federn, um mit seinen Kunden nach Köln zu fahren. Ich war 20 Jahre lang mit einem Geschäftsmann verheiratet und habe Verständnis, auch wenn Paul nicht mein Ehemann ist und mich wahrscheinlich auch niemals heiraten wird.
Wie auch, hat er sich doch schon bei unserem ersten Date verkrümelt!
Ja, Paul hat mich sitzen gelassen. Daran gibt es keinen Zweifel.
Tja … was tun?, sprach Zeus. Zeus weiß auch keinen Rat, deswegen fragt er mich. Ich schicke Zeus zurück auf den Olymp. Soll er seine Probleme doch selbst lösen, schließlich muss ich mir jetzt geschwind einen Plan B aus dem Ärmel schütteln.
Vielleicht sollte ich mich an der Rezeption erkundigen, wo sich die nächstgelegene Brücke befindet.
Ein Bahngleis würde es natürlich auch tun.
Allerdings müsste ich für solch eine dramatische Aktion wohl oder übel das kuschelig warme Hotelzimmer verlassen.
Das ist mir jetzt aber viel zu anstrengend, also bleibt mir nur eins übrig – mit der Minibar Vorlieb zu nehmen.
Gerade als ich mich den Verlockungen des kleinen Kühlschranks hingeben will, reißt mich das Klingeln meines Handys aus all den grauenvollen Gedanken, die mich die nächsten sieben Kilo und das letzte Fünkchen Selbstbewusstsein kosten werden.
Paul hat mir eine SMS geschrieben.
Bin auf dem Weg nach oben!
Was – jetzt schon?
Panik auf der Titanic! Schnell
husche ich ins Bad und pflanze mein Popöchen aufs Toilettchen. Bei Panikattacken muss ich immer pinkeln. (...)



Die Autorin



Anne Gard wuchs in Amerika und Deutschland auf. Sie hegt eine große Leidenschaft für das deutsche Wort, für ihre Familie, für Kunst und Kultur, fürs Lachen, Ausgehen und Spaß haben – kurzum fürs Leben. So schätzt sie die Idylle und die Ruhe auf dem Land genauso wie die schnelle Zugverbindung nach München.



Liebe auf den letzten Klick ist ihr fünftes Buch, und das erste, das veröffentlicht wird.




Anne Gard, Liebe auf den letzten Klick

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18. August 2014

Lutz Kreutzer, Bayerisch Kongo




Der Geophysiker Friedrich Sperber landet auf unkonventionellem Weg beim bayerischen Landeskriminalamt. Sein erster Fall: der Tod eines Afrikaners, der mitten in München mit einer Machete umgebracht wurde. 
Als zwei weitere bizarre Morde im Chiemgau die Ruhe im Voralpenland stören, verdichtet sich die Spur in den Kongo. Sperber stößt bei seinen Ermittlungen auf das begehrte Hightech-Erz Coltan, auf einen mysteriösen belgischen Söldner - und auf Deutsche und Österreicher mit rabenschwarzer Vergangenheit...




Rezension

Mai-Mai bedeutet auf Lingala „Wasser-Wasser“.
Diese Gruppe von Kämpfern im Kongo stinkt bestialisch, weil sich die Männer, trotz des Namens nicht waschen, ab dem Moment, wenn sie mit Zauberwasser geweiht sind. Der Geophysiker Friedrich Sperber, der im Kongo knapp dem Tod durch eine Machete eines Kindersoldaten gekillt wurde, wird vom LKA München angeworben, um, als Kongo-Kenner bei der Aufklärung eines Ritualmordes zu helfen, den zwei Mai-Mai verübt haben. Mehr sag ich jetzt nicht.

Ich kenne München sehr gut,
Lutz Kreutzer hat das Ambiente der Stadt, die Leute, sehr gut getroffen. Sperber ist zu Beginn als Zuag’raster oft irritiert, findet sich dann aber doch rein. Der Roman ist, wie ich auch hier, wie in den anderen Büchern des Autors, festelle, vorzüglich recherchiert. Es geht um Coltan, einen Rohstoff, der für die Elektronik (Handy usw) überaus wichtig ist, um Ausbeutung, Betrug, Gewalt, Macht, einfach scheußlich, was Menschen so treiben in unserer Welt.

Ich schätze den Erzählstil Kreutzers sehr, spannungsgeladen, humorvoll, eindringlich vermittelt er auch in diesem Krimi eine Botschaft gegen Gier und Grausamkeit, ohne sie vordergründig zu betonen. Gut!
Wieder ein Werk des Autors, das ich absolut empfehlen kann!

Elsa Rieger



Der Autor
Lutz Kreutzer schreibt Thriller, Krimis und Spannungsromane. Seine E-Books waren bei amazon hoch gelistet (Platz 1 im Kindle-Shop).
Die Plots haben realen Hintergrund, die Themen gehen in die Tiefe und beruhen auf Tatsachen. Diese bringt er in Einklang mit dem Leben eines Protagonisten, der durch seine Geschichte getrieben wird. Wichtig ist ihm die verständliche und spannende Sprache.
 
Sein abenteuerlicher Berufsweg führte ihn durch viele Länder Europas. Am liebsten ist er dort, wo es gutes Essen und noch besseren Wein gibt. Daher hat er unter anderem gemeinsam mit Johann Lafer ein Kochbuch geschrieben.


Lutz Kreutzer, Bayerisch Kongo

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