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8. Juli 2014

norbert rychly, unheimlich heimliches, illustriert von hansjörg bisswurm




Geben Sie gut auf Ihr Handy acht, darin könnte sich nämlich etwas manifestieren, das Ihnen keine Freude macht. Was sich so alles im bombenfesten Zement eines Staudamms bewegt, das finden Sie hier heraus, ebenso, was den Smutje mit dem geldgierigen Käpt’n Jones verbindet. An Werner F.’s innovativer Geschäftsidee können Sie sich ein Beispiel nehmen, aber hüten Sie sich bloß vor gewissen Websites, oder surfen Sie sicherheitshalber ausschließlich in einem Internetcafé, niemals mit Ihrem eigenen Computer! Wie erging es Jim Hawkins nach seinem Abenteuer auf der Schatzinsel? Ist der Urenkel des angeblichen „Lügenbarons“ auch ein Lügner?
Das und noch viel mehr erfahren Sie in diesem Dutzend unheimlicher Geschichten, gespickt mit einzigartigen Illustrationen.


Rezension

Ein neuer Edgar Allen Poe
dachte ich mir, als ich die Geschichten las, daher freute ich mich, als ich als Lektorin gebucht wurde. 
Denn der Autor schreibt durchaus sicher in einem klassischen Stil, obwohl er auch moderne Situationen, in denen ein Handy oder ein Computer die Hauptrolle spielen, beschreibt. 

Er vertraute mir, obwohl er eine ziemlich negative
Meinung zur Tätigkeit der Lektoren hatte. Als wir aber fertig waren, schrieb er einen offenen Brief dazu, den man hier nachlesen kann:  texTlektoraT

Der Autor spekuliert nicht mit dem heute üblichen Horror,
nein, es sind wirklich Gruselgeschichten, die Vergnügen machen. Oft bleibt verborgen, was man gern wissen möchte, aber das muss so sein, denn Mysteriöses hat es so an sich, dass es unerklärlich ist. Manches ist wirklich lustig, wenn der Autor sich einmischt mit seinen Überlegungen und Erklärungen, was es heutzutage mit Gespenstern auf sich hat. Eines jedoch ist klar: Sie sind unter uns. Vielleicht nur einen Schritt entfernt, wer weiß das schon? Also Obacht!

Dazu die glänzenden Illustrationen
von Hansjörg Bisswurm, schauerlich ins Bild gesetzte Kreaturen aus Albträumen ebenso wie zarte Menschen, die all dem ausgeliefert sind. Ein temperamentvoller Strich, der karikiert, und wieder, so wie oben E. A. Poe - ein Vergleich für die Leser -, damit sie es sich besser vorstellen können, erinnert mich der Ausdruck an einen großen Künstler, George Grosz, auch wenn sowohl Bisswurm als auch Rychly ihre eigene Kraft haben und keineswegs etwas kopieren.
Die Vergleiche sollen nur eine Ahnung vom Inhalt des Buches vermitteln.  
Ich kann das Buch wärmstens empfehlen, amüsant und mal was anderes! 

Elsa Rieger



Leseprobe



Grauenvolles wartet und träumt
in der Tiefe, und Fäulnis
kommt über die wankenden
Städte der Menschen.
H.P.Lovecraft


Ich weiß nicht, ob ich wache oder träume, erlebe oder fantasiere, ob ich noch bei Verstand bin oder verrückt. Bin ich geisteskrank oder geisterkrank? Kann man träumen, dass man schreibt, dass man träumt, etwas geträumt zu haben? Kann man träumen, dass man einen Traum niederschreibt, in dem man geträumt hat, etwas zu träumen?
Ich überlasse die endgültige Beurteilung jenen, die meine Aufzeichnungen hoffentlich eines Tages finden werden, denn für mich spielt es keine Rolle mehr, ich bin verloren. Ich kann nur hoffen, dass meine Erfahrungen und Erlebnisse, sofern es welche waren, dazu beitragen werden, die Menschheit vor dem drohenden Untergang zu bewahren, wenngleich ich nicht viel zur Lösung des Problems beitragen kann. Gegenwärtig kratze ich die letzten intakten Reste meines Verstandes zusammen, um das Grauen so genau wie möglich zu berichten, und dann muss ich versuchen, genügend Kraft aufzubringen, diese Blätter Papier so zu verstecken, dass sie sie nicht finden, ein Mensch aber wohl, auch wenn er gar nicht danach sucht, weil ja kaum noch jemand auf Papier schreibt.
Ich fürchte so sehr, viel mehr als mein unmittelbar bevorstehendes Ende, dass, wer auch immer meine Leiche findet, sich mit dem Inhalt meines PC’s zufriedengibt; doch dort sind nur Banalitäten gespeichert, Unwahrheiten, die nicht von mir stammen, denn sie haben schon lange die totale Kontrolle meines Computers übernommen, und jetzt auch fast vollständig über mich.
Ich möchte es am liebsten laut hinausschreien: „Schaltet alle Computer aus, trennt sie vom Netz und steckt sie nie wieder an!“, so wie es nach Medienberichten einzelne „Verrückte“ in allen Teilen der Welt getan haben, bevor sie von den Männern in den weißen Kitteln abgeholt und eingeliefert wurden. Diese vereinzelten Verwirrungen wurden dem Einfluss der fast immer gleichzeitig auftretenden Gewitter zugeschrieben und nicht weiter beachtet. Aber es muss noch viel mehr von diesen Unglücklichen geben, denn zum letzten Schlag zur Versklavung der Menschheit ist bereits weit ausgeholt.

*

Es muss begonnen haben, als ich „ghost“ googelte, um Informationen über einen Film, von dem ich gehört hatte, zu finden. Als einer der wenigen noch lebenden Menschen, die zwar halbwegs mit einem PC umgehen können, sich aber im Internet nur mühsam, wenn überhaupt, zurechtfinden, war ich von den Millionen Suchergebnissen eher schockiert als entmutigt. Rein zufällig also klickte ich www.ghost.com an, ohne die Erwartung, auf Anhieb die gesuchten Informationen zu finden. Tatsächlich, ich fand sie wirklich nicht, dafür aber eine Abhandlung über Geister und deren Wirken seit Anbeginn der Menschheit, welche an Banalität, ja geradezu Lächerlichkeit keine Steigerung mehr zuließ, dazu zahlreiche Literaturhinweise, wobei mir das Werk eines gewissen H. P. Lovecraft besonders hervorgehoben zu sein schien. Zu meiner Überraschung fand ich auch Hunderte von Links, von denen ich glaubte, es seien persönliche Webseiten, denn sie bestanden offensichtlich nur aus Vor- und Zunamen.
Warum mich ausgerechnet www.alistermcgregor.com wie magisch anzog, kann ich lediglich vermuten: Schotte – Schloss – Hochmoor – Nebel – Spuk könnten meine unbewussten Assoziationen gewesen sein, es sei denn, sie hatten mich schon eingefangen, weil ich diese an sich harmlose Abhandlung überflogen hatte. Jedenfalls klickte ich darauf und fand einen Stammbaum der McGregors auf meinem Monitor, der vom 12. Jh. bis heute reichte, wobei in jeder Generation mindestens ein Familienmitglied als anzuklickender Link ausgewiesen war, wie „mein“ Alister, der im 17. Jh. gelebt hatte. Es wurde auch behauptet, dass das Geschlecht der McGregors noch viel weiter zurückreiche, nämlich bis zum Auftreten der ersten Menschen. Unter dem Stammbaum beschrieb ein unbeholfen verfasster Text das bewegte Leben jenes Alister McGregor sowie sein unrühmliches Ende, hingerichtet als in einem Scheinprozess verurteilter Führer einer Vereinigung von Hexenmeistern und Bewahrern eines uralten Kultes, dessen Entstehung angeblich auf Zeiten vor der Entwicklung des Menschen zurückging.
Kaum hatte ich begonnen diesen Text zu lesen, als sich der Hintergrund des Bildschirms langsam veränderte, indem das Weiß dunkler wurde, Konturen erschienen und schließlich, als ich zum Ende des Textes kam, ein Gesicht, nein, eine Fratze von abstoßender Hässlichkeit bildschirmfüllend die Schrift unterlegte: Wirres langes, rotes Haar und ein zerfranster, roter Vollbart umrahmten ein narbenbedecktes, unsymmetrisches Antlitz mit gebrochener, schiefer Nase und einem höhnisch grinsenden Mund, dessen wulstige Lippen drei Zahnlücken, zwei oben, eine unten links, schwarz gähnen ließen. Obwohl mir ein Schauer nach dem anderen über den Rücken lief, schaffte ich es, bis zum Ende zu lesen, was ich sofort bereute, denn das Grauen, welches mich jetzt erfasste, ist mit Worten nicht zu beschreiben.
Waren die Augen des Monsters bis hierher verschleiert gewesen, so leuchteten sie jetzt mit einer Plötzlichkeit und Intensität und einem in dieser Teufelsfratze niemals vermuteten, wunderschönen Smaragdgrün aus dem Monitor, dass sie mich wie aufgeblendete Scheinwerfer trafen. Gleichzeitig vermittelten sie eine Tiefe, dass ich glaubte, durch sie bis in sein Jahrhundert sehen zu können, denn für mich bestand kein Zweifel daran, dass dies das Porträt von – nein, dass dies der leibhaftige Alister McGregor war.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dagesessen bin, unfähig der kleinsten Bewegung, wie hypnotisiert, immer nur in diese schönen, fürchterlichen Augen starrend, den Rücken in die Lehne meines Stuhls gepresst, Arme und Beine unnatürlich verkrampft, ohne zu atmen, mein Herz in den Ohren wie rasend pumpen hörend, wie besessen von einem einzigen Gedanken: AUSSCHALTEN. Doch ich konnte ihn nicht festhalten, geschweige denn ausführen. Noch besessener, ja nahezu gelähmt war ich von diesem Blick. Er überlagerte meine Lebensfunktionen, schien sie ersticken zu wollen. Jene grünen, schönen, tiefgründigen Augen in dieser entsetzlich hässlichen Fratze, welche sich jetzt zu bewegen schien, bannten mich. Dieses unsägliche Antlitz grinste zunehmend höhnischer, wurde durchscheinender, geisterhafter.
Die Buchstaben des Textes, welchen ich zwischendurch gar nicht mehr wahrgenommen hatte, drangen wieder in mein Bewusstsein und – veränderten sich: Da stand plötzlich nur noch, auf dem ganzen Bildschirm, immer und immer wieder: „yog-sottoth“, und gleichzeitig ließ die Intensität des Blickes nach, die Augen verschleierten sich erneut, die Fratze wurde noch geisterhafter, durchscheinender und verblasste schließlich ganz, sodass bloß der Text blieb, blutrot auf weiß, diese mir unverständlichen Worte: „yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth yog-sottoth

Allmählich wurde mir bewusst, dass die Lähmung langsam aus meinen Gliedern wich und wieder Gedanken, eigene Gedanken, durch mein Gehirn zu schleichen begannen, Gedanken, die ich trotz ihrer Trägheit nicht festzuhalten vermochte. Ich blieb sitzen, zwang mich, ruhig und gleichmäßig zu atmen, und versuchte, einen dieser Gedanken einzufangen, indem ich mich auf ihn konzentrierte. „Wow!“ dachte ich, „Wahnsinn, was heute alles möglich ist!“
Ein gequältes Lachen, das mir selber weh tat, als es aus der Kehle sprang, befreite meine Gesichtszüge aus ihrer Verkrampfung, und ich zwang mich zu grinsen, stellte mir gleichzeitig mein Gesicht vor, wie komisch es aussehen musste. Endlich konnte ich befreit auflachen, fast befreit, denn als ich mir mit einer immer noch bleischweren Hand über die Stirn wischte, tropfte Schweiß auf die Tastatur. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, denn die Gänsehaut auf meinem ganzen Körper machte mir bewusst, dass ich so nass war, als hätte ich in den Kleidern geduscht. Jetzt begann ich auch noch zu zittern, aber vor Kälte, redete ich mir ein.

Soweit man das selbst beurteilen kann, bewegte ich mich normal, als ich an meinen Schreibtisch zurückkehrte. Ich hatte mich mühsam ins Bad geschleppt, geduscht (nackt, die nassen Kleider lagen wohl noch im Badezimmer auf den Fliesen), hatte ein paar Kniebeugen gemacht, nicht vorhandene Hanteln gestemmt und meinen Bademantel angezogen, um wieder etwas Wärme in meinen Körper zu bekommen. Allerdings entwich diese schlagartig daraus, als ich die scheinbar sinnlosen Worte auf dem Bildschirm sah. Ich hatte genug vom PC für heute und klickte, ohne mich hinzusetzen, rechts oben auf das Kreuz, um auszusteigen. Nichts geschah. Ich tippte auf escape und dachte noch: „Hoffentlich hat diese komplizierte Webseite keinen Schaden angerichtet.“
Der Text blieb unverändert stehen, und mir wurde wieder einmal bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wie ein Computer zu behandeln war, wenn er nicht das tat, was ich wollte. Ärger stieg in mir hoch, aber auch eine üble Vorahnung; und dann Trotz: „Ich bin hier der Chef, du Blechtrottel!“, und während ich den PC ausschaltete, wurde mir bewusst, dass ich diesen Satz geschrien hatte. Umsonst, der Monitor zeigte weiterhin sein absurdes Schriftbild, der Ventilator im Gehäuse des Computers surrte, und das unregelmäßige Flackern des blauen Lämpchens zeigte an, dass der PC arbeitete.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, was das bedeutete: Da drinnen ging etwas vor! Vielleicht ein Virus, der sich ausbreitete? Oder Schlimmeres! So schnell ich konnte, und es kam mir vor, als bewegte ich mich in Zeitlupe, tauchte ich unter den Schreibtisch, tastete nach dem Netzstecker und riss ihn aus der Dose. Der Ventilator wurde langsamer, begann zu stottern, hörte aber doch noch auf zu blasen, während das blaue Lämpchen wild flackernd schwächer wurde und endlich erlosch. Auf allen Vieren kroch ich unter dem Schreibtisch hervor und bemühte mich, an etwas anderes zu denken als: „Der hat sich aber gewehrt!“
Ich fühlte mich körperlich und geistig völlig erschöpft, also warf ich mich aufs Bett, um auszuruhen und zu entscheiden, ob ich gleich meinen PC-Doktor anrufen sollte oder...

Mit einem Ruck setzte ich mich auf, am ganzen Körper zitternd, schweißgebadet, die Augen weit aufgerissen, um mich zu vergewissern, dass ich in meiner Wohnung war und alles nur geträumt hatte. Ja, ich saß auf meinem Bett, der nasse Bademantel war halb offen, und im Zimmer war alles wie gewöhnlich. Ich raffte den Mantel fest um mich, wurde aber weiter von Kälteschauern geschüttelt. Am liebsten hätte ich mich unter die Bettdecke verkrochen, fürchtete jedoch, wie vorhin sofort einzuschlafen. Vorhin, wann war das gewesen? Wie lange hatte ich geschlafen? Ich war stundenlang durch Zeit und Raum geglitten, begleitet, nein, getrieben von Alister McGregor, musste schreckliche Szenen von grausamen Menschenopfern, blutigen Schlachten, tödlichen Kämpfen zwischen mir unbekannten Wesen unirdischer Herkunft mitansehen, befand mich oft mitten im blutrünstigsten Getümmel in längst vergangenen Zeiten, wiederholt gejagt von einer riesigen schwarzen Ziege, die „iiäääähhh“ kreischend auf mich losstürmte, und wurde zwischendurch immer wieder zum Stammbaum der McGregors gebracht, der lebendig inmitten einer düsteren Hochmoorlandschaft stand. Er erinnerte mich auf makabre Art an einen Weihnachtsbaum, denn statt geschriebener Namen hingen die Köpfe der Ahnen von den Ästen, durch Zweige an den Haaren festgehalten, und die Links blinkten in einem wahnsinnigen Rhythmus, der dumpf wie entferntes Trommeln in meinem Kopf dröhnte.
Immer noch. In meinem Kopf. Diese hohlen Schläge hörte ich nicht, ich fühlte sie. Im Kopf. Ich hatte nie zuvor auch nur annähernd Ähnliches gehört, so einen Rhythmus gibt es eigentlich gar nicht. Doch er war da, nicht unangenehm, aber irgendwie beängstigend und – anschwellend. (...)


Über den Autor

Gibt es ihn wirklich? Oder ist er ebenso erfunden
wie seine Geschichten?
Oder sind die Geschichten wahr und haben den Autor erfunden,
um erzählt zu werden?
Oder ist alles wahr? Oder erfunden?
Interessante Fragen. Wirklich. Nicht erfunden.
Aber wer interessiert sich schon für die Antworten?
Alle Antworten sind zu finden im
allwissenden und allmächtigen Internet.
Oder doch nicht?


norbert rychly, unheimlich heimliches
illustriert von hansjörg bisswurm

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4. Juli 2014

Dorothy Castle und Sabine Landgraeber, Picture Bride



Wie findet man den Mann fürs Leben?
Heute sucht man auf Partnerbörsen im Internet, früher gab es den Heiratsvermittler.

Hawaii, 1902: Die 18jährige Japanerin Hitomi kennt ihren zukünftigen Mann nur von einem Foto. Ein Heiratsvermittler hat einen Ehemann für sie auf Hawaii gefunden. Nach einer beschwerlichen Schiffsreise endlich dort angekommen, muss sie feststellen, dass der Mann sie nicht abholt. Hitomi kann auf keinen Fall wieder zurück nach Japan, denn dort wartet nur der gewalttätige Onkel. Um einer Ausweisung zu entgehen, geht sie auf eine weitere Vermittlung ein. Sie heiratet Jiro, einen einfachen Arbeiter einer Zuckerrohr-Plantage. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es Hitomi, ihren Mann zu akzeptieren und sie findet sich im harten Arbeitsalltag der Plantage zurecht. Doch dann geschieht ein Unglück, dass ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Gemeinsam mit ihren Freundinnen erkämpft sie sich ihren Weg und findet die wahre Liebe.

Eine spannende und mitreißende Geschichte vom Überlebenskampf einer jungen Frau, die in eine fremde Welt entführt.


Leseprobe

Heute musste sie das Zuckerrohr von alten Blättern befreien. Inzwischen war sie zu einer der schnellsten und geschicktesten Arbeiterinnen geworden. Sie schnitt sich energisch durch die scharfen Blätter und hätte beinahe Masu verletzt, die plötzlich vor ihr stand.
„Wie geht es ihr?“
„Sie hat heute bei uns geschlafen. Sie hat noch Schmerzen, so wie du gesagt hast, aber sie blutet nur noch wenig.“
„Gut, und ihr Mann?“
„Er ist heute Nacht nicht aufgetaucht.“
Hitomi hatte heute Morgen die Hütte von En beobachtet und keinerlei Leben darin gesehen.
„Gut.“ Masu wendete sich um und ging zurück in ihre Reihe.
Als Hitomi nach Hause kam, fand sie ihre Hütte verlassen vor. Wo war En? Sie lief in die Nachbarhütte und fand die Freundin, die mit bleichem Gesicht auf ihrem Futon saß.
„Was machst du hier?“
En starrte ganz leer vor sich hin und antwortete nicht.
„Komm zu uns, ich habe Angst, dass er wiederkommt.“
Hitomi versuchte En hochzuziehen. Sie wehrte sich nicht, blieb aber steif wie eine Puppe.
„Er kommt nie wieder.“
„Wie meinst du das?“
En wirkte starr und unnahbar. Plötzlich schaute sie auf. Ihre Augen fixierten einen Punkt hinter Hitomis rechter Schulter.
„Es ist ein Unglück passiert.“
„Ja, ich weiß.“
Hitomi setzte sich neben ihre Freundin. Sie berührte sie an der Schulter.
„Du hast dein Baby verloren.“
Die arme En hatte jetzt erst begriffen, was ihr passiert war.
„Nein Hitomi, das meine ich nicht. Er wird nie wiederkommen.“
Jetzt war Hitomi verwirrt. Was meinte En?
„Komm mit, ich zeige dir etwas, aber du musst mir versprechen, es niemand zu sagen.“
En stand auf und öffnete die Hintertür. Hitomi folgte ihr und fragte sich, ob En verrückt geworden war.
Mit wirrem Blick sah sie sie an.
„Du musst es mir versprechen.“
Hitomi nickte. Was hatte das alles zu bedeuten?
Gemeinsam durchquerten sie den Hof. En ergriff ihre Hand und sagte eindringlich: „Versprochen? Niemand.“
Hitomi nickte wieder, unfähig etwas zu sagen. En zog sie hinter die Holzwand.
Und da lag er. Der Ehemann. Seine rechte Gesichtshälfte war unnatürlich rot. Auf seiner Stirn klaffte eine große, offene Wunde und er war über und über mit Blut bedeckt. Was Hitomi dann bemerkte, entlockte ihr einen Aufschrei. In seiner Brust steckte eines der Messer, mit dem sie jeden Tag das Zuckerrohr schnitt. Sie schaute entsetzt zu En.
„Warst du das?“
En nickte.
„Ist er tot?“
En nickte wieder.
Hitomi schaute fassungslos auf den leblosen Körper.
„Was hast du gemacht?“
Sie löste ihren Blick von der Leiche und schaute zu En, die scheinbar ruhig und emotionslos vor ihr stand.
Das konnte doch nicht wahr sein. En hatte ihren Ehemann getötet? Nicht, dass sie es nicht verstehen konnte. Er war ein ungehobelter, brutaler Klotz gewesen. Aber dass die kleine En diesem kräftigen Mann ein Messer ins Herz gerammt hatte, das konnte sie sich einfach nicht vorstellen.
„Was machen wir jetzt?“
„Du darfst es niemandem erzählen. Auch nicht Jiro.“
Wie auf Stichwort hörten sie, wie die Hintertür von Hitomis und Jiros Hütte knarzte und Jiro in die Dunkelheit rief: „Hitomi, seid ihr hier hinten? Machst du Essen? Ich habe Hunger.“
Hitomi räusperte sich und versuchte normal zu klingen.
„Ich bin bei En, ich komme gleich.“
Zu mehr war sie nicht fähig. Wieder schauten sie beide auf die Leiche. Hitomi überlegte lange und kam dann zu einem Entschluss.
„Wir müssen ihn verschwinden lassen.“
En schaute sie überrascht an, dann erschien ein kleines, hoffnungsvolles Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Du hilfst mir?“
„Ja, ich gehe jetzt rüber und koche Jiro sein Essen, danach überlegen wir dann gemeinsam, was wir mit dem da machen.“ Sie warf nur einen kurzen Blick auf den Körper am Boden und fixierte dann wieder En.
„Kann ich dich alleine lassen?“
En nickte, lehnte sich an die Holzwand und ließ sich langsam auf den Boden gleiten.
„Ich warte hier auf dich.“
Hitomi betrachtete ihre Freundin, wie sie da einsam und verloren mit ihrem toten Ehemann im Mondlicht hockte. Sie zweifelte sehr, dass sie ihr Geheimnis für sich behalten könnten. Sie drehte sich um, stieg über die kleine Mauer und atmete tief durch, bevor sie die Hintertür öffnete.
Sie kochte ein einfaches Essen, das kein großes Nachdenken erforderte. Sie wusste, dass Jiro mit allem zufrieden war, was man ihm vorsetzte. Die ganze Zeit überlegte sie, was sie jetzt machen sollten. Kurz erwog sie, Masu in ihr Geheimnis einzuweihen, entschied sich dann aber dagegen. Sie würden es alleine schaffen. Sie mussten die Leiche verschwinden lassen und alle davon überzeugen, dass er verschwunden und nicht wieder aufgetaucht war.
Sie servierte Jiro das Essen und überlegte, wie sie ihm beibringen könnte, dass En und sie weiter an ihrem Gemüsegarten arbeiten wollten.
In den letzten Tagen hatten sie zusammen die wild wuchernden Pflanzen hinter ihren Hütten gerodet. Sie hatten das Unkraut und alle Wurzeln entfernt und sobald sie etwas Geld gespart hatten, wollten sie Samen und Setzlinge kaufen. Bao Loi hatte ihnen versprochen, in Honolulu Gemüsesamen für sie zu besorgen. Jiro hatte sich sehr belustigt darüber geäußert, dass sie den ganzen Tag auf dem Feld verbrachten und am Abend, bis Sonnenuntergang, noch einmal dasselbe hinter der eigenen Hütte machten.
„Ich gehe noch mal zu En.“
„Ist er wieder aufgetaucht?“
Hitomi schüttelte den Kopf und wagte es nicht ihn anzusehen. Würde er sehen, was in ihr vorging, dass sie ihn belog?
„Gut, falls er auftaucht, komm heim. Ich gehe noch zum Kartenspiel.“
Hitomi floh in den Hinterhof. Vor dem Bottich blieb sie kurz stehen. Er hatte ihr ein wahrhaft großes Geschenk gemacht. Sie kam sich sehr schlecht vor, dass sie ihm nicht die Wahrheit gesagt hatte, aber sie konnte es nicht. Das hatte sie En versprochen.
„En, bist du noch da?“
Sie fand sie, so wie sie sie verlassen hatte. Immer noch hockte sie auf dem Boden und starrte die Leiche an.
„Das musst du essen.“
Hitomi drückte ihr eine Schale Reis mit Trockenfisch in die Hand.
„Ich habe keinen Hunger.“
„Du musst.“
Hitomi hockte sich vor die Freundin und fing an sie zu füttern. Anfänglich weigerte sich En, aber dann aß sie doch alles auf.
„Ich habe einen Platz für deinen Mann gefunden.“
En schaute sie erwartungsvoll an.
„Wir graben ein Loch in unserem Garten. Da legen wir ihn rein. Wir werden sagen, dass er nicht mehr aufgetaucht ist, nachdem er dich geschlagen hat.“
En zweifelte, aber Hitomi schaffte es, sie zu überzeugen.
Die halbe Nacht gruben sie sich durch die rote Erde. Durch den starken Regen war es besonders beschwerlich. Hitomi hatte das Gefühl, dass die Erde über Nacht doppelt so schwer geworden war. Ein weiteres Problem waren die Steine. An vielen Stellen trafen sie nach einigen Zentimetern auf Felsbrocken und alte Wurzeln. Nach anfänglichem Graben mit ihren Händen, hatten sie sich Töpfe aus der Küche von En geholt. Damit ging die Arbeit ein bisschen leichter. Mitten in der Nacht wurden sie plötzlich vom Geräusch der Hintertür hochgeschreckt.
„Hitomi, komm ins Bett.“
Jiro ging ins Bad und erleichterte sich hörbar in der Latrine.
„Wir machen morgen weiter. Geh jetzt ins Bett und komm morgen zur Arbeit. Morgen Abend machen wir weiter“, flüsterte Hitomi. En nickte und fiel ihr um den Hals.
„Ich danke dir. Du bist wirklich eine gute Freundin.“
Hitomi wusch sich die rote Erde vom Körper, dann legte sie sich neben den schlafenden Jiro auf den Futon und starrte grübelnd in die Dunkelheit.
En erschien am nächsten Tag zur Arbeit und Hitomi und sie versuchten sich zu ignorieren. Nach dem Essen am Abend entschuldigte sie sich wieder mit weiterer Arbeit am Gemüsegarten. Jiro nickte und erklärte sich bereit, neue Vorräte zu kaufen. Kaum hatte er die Hütte verlassen, flitzte Hitomi in den Garten. En stand schon an dem Loch, das sie ausgehoben hatten.
„Es ist viel zu klein und zu flach. Ich ertrage das nicht mehr, ihn zu sehen. Wir müssen es heute Nacht schaffen.“
Ens Stimme klang flehentlich und Hitomi konnte sie gut verstehen. Nach zwei weiteren Stunden des Grabens war die Grube zu einem ansehnlichen Loch geworden. Hitomi und En hielten mit ihrer Arbeit inne und sahen sich fragend an. Konnten sie es jetzt wagen, ihn in die Grube zu tragen?
„Ich bin wieder da, ich gehe jetzt ins Bett.“
Jiro stand an der Hintertür und blinzelte in die Dunkelheit.
„Bist du da?“
„Ja, wir arbeiten noch ein bisschen, ich komme bald.“
„Gut.“
Er schloss die Tür und Hitomi und En atmeten durch.
Im Bad versuchten sie die Leiche zu bewegen, aber es ging nicht. Der schwere Körper rührte sich keinen Millimeter. Sie setzten sich beide mit dem Rücken an die Holzwand.
„So schaffen wir das nicht“, konsternierte Hitomi.
„Wie hast du ihn eigentlich hierher gebracht?“
„Es war furchtbar. Er kam nach Hause und stürzte sich auf mich. Ich hatte mir gerade einen Tee gemacht. Ich habe ihm das heiße Wasser ins Gesicht geschüttet und danach bin ich nach draußen geflohen. Er ist mir hinterhergekommen und da habe ich ihm den Kessel auf den Kopf gehauen. Er hat sich auf mich gestürzt und da habe ich auf dem Boden das Messer gefunden.“
Hitomi blickte En an.
„Das heißt, er ist selbstständig hierher gelaufen“, sagte sie.
„Ja“, nickte En.
„Wir brauchen ein Laken. Wir wickeln ihn ein, dann können wir ihn zusammen ziehen.“
En stand auf und lief zum Haus. Nach kurzer Zeit kam sie wieder und hielt Hitomi ein weißes Laken hin. Sie nahm es und zögerte. Ihr Blick ging zu dem Messer, das aus seiner Brust ragte.
„Ich kann das nicht“, sagte En und wendete sich ab.
Hitomi atmete tief durch und umschloss den Messergriff mit ihrer Hand. Sie zog, aber das Messer rührte sich nicht. Schweißperlen traten ihr auf die Stirn.
„Du musst mir helfen, alleine schaffe ich das nicht.“
En rührte sich nicht, sodass Hitomi es alleine weiter versuchte. Mit beiden Händen zog sie, so stark sie konnte, an dem Griff. Mit einem Mal glitt die Klinge aus dem Brustkorb und Hitomi plumpste auf den Boden. Sie legte das blutige Messer vorsichtig neben sich und stand wieder auf.
„Er stinkt“, sagte En, als sie den Körper gemeinsam in das Tuch wickelten.
Auch Hitomi hatte den unangenehmen Geruch bemerkt. Sie mussten ihn unbedingt noch heute Nacht unter die Erde bringen.
Nachdem sie ihn in dem Tuch, mit Hilfe eines Stricks, festgezurrt hatten, begannen sie die schwere Leiche durch den Garten zu ziehen. Sie kamen nur Zentimeter um Zentimeter voran. Sie schnauften und feuerten sich flüsternd gegenseitig an. Endlich waren sie so weit, dass sie den Körper in das ausgehobene Loch rollen konnten. Mit einem dumpfen Laut landete er auf dem Boden.
„Wir müssen ihn abdecken“, flüsterte Hitomi und lief zu der Mauer mit den schwarzen Vulkansteinen.
„Warum können wir ihn nicht einfach mit der Erde begraben?“, fragte En und deutete auf den großen Haufen neben sich.
„Der Regen wäscht die Erde vielleicht weg. Such die Felsbrocken, die wir ausgegraben haben“, sagte Hitomi und warf schwarze Steine auf den Körper. Sie zuckte kurz zusammen bei dem dumpfen Geräusch, das der Aufprall der Steine auf dem Körper erzeugte.
En nickte verstehend und so sammelten sie alle Steinbrocken, die sie tragen konnten, und bedeckten damit die Leiche. Als nichts mehr von dem Leinentuch zu sehen war, schaufelten sie mit ihren Händen die rote, klebrige Erde in das Loch. Sie traten die lockere Erde mit ihren nackten Füßen fest und fielen sich in die Arme.
„Wir haben es geschafft.“
„Wie geht es jetzt weiter?“
„Ich weiß es nicht, En. Wir gehen morgen wieder zur Arbeit und morgen Abend kannst du melden, dass dein Mann nicht mehr da ist.“
„Das kann ich nicht“, flüsterte En mit Panik in der Stimme.
„Doch, du musst. Sonst wirst du irgendwann gefragt, warum du nie etwas gesagt hast. Lass uns ins Bett gehen, wir reden morgen weiter.“
Hitomi wusch sich im Mondschein und überlegte, was sie da gerade getan hatte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn das alles rauskäme. Sie schlich sich ins Haus und legte sich neben Jiro. Sie erschrak, als er sich plötzlich aufsetzte.
„Du arbeitest zu viel. Das ist nicht gut. Brauchst du wirklich diesen Garten?“, fragte er mit schläfriger Stimme.
„Schlaf weiter.“
Sie schob ihn auf das Futon und streichelte ihm über die Haare. Sie drückte sich an seinen warmen Körper und schloss die Augen. Immer wieder tauchte das Bild von der Leiche vor ihr auf, bevor sie endlich einschlief. (...)



Die Autorin
Ich bin Autorin und Regisseurin und lebe mit meinem Mann in Berlin. Ganz sicher haben Sie schon einmal etwas von mir gesehen, denn ich habe an vielen erfolgreichen Serien mitgewirkt. "Verliebt in Berlin", "Verbotene Liebe", "Schloss Einstein" und "Der letzte Zeuge" sind nur einige Beispiele, bei denen ich Regie geführt habe. Mit meinen Büchern versuche ich meine Leser genauso zu unterhalten, wie mit meinen Filmen. Sind Sie neugierig geworden? Dann besuchen Sie mich doch auf meiner Homepage: www.sabine-landgraeber.de





Dorothy Castle und Sabine Landgraeber, Picture Bride